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Sulfate
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Sulfate sind eine Gruppe chemischer Verbindungen, die sich von der SchwefelsĂ€ure ableiten. Aufteilen lĂ€sst sich die Gruppe in SchwefelsĂ€ure-Salze und SchwefelsĂ€ure-Ester. Die SchwefelsĂ€ure besitzt zwei Hydroxy-Gruppen (OH-Gruppen), deren Wasserstoff-Atome abgespalten oder getauscht werden können. Durch Abspaltung dieser H-Atome entstehen aus der SchwefelsĂ€ure negativ geladene Anionen: Sulfat [SO4]2â oder Hydrogensulfat [HSO4]â. Diese bilden zusammen mit einem positiv geladenen Gegenion (zum Beispiel Natrium) die SchwefelsĂ€ure-Salze, beispielsweise Natriumsulfat (Na2SO4). Bei den SchwefelsĂ€ure-Estern sind stattdessen die H-Atome gegen organische Gruppen ausgetauscht. Bei den Monoestern ist ein H-Atom ausgetauscht, bei den Diestern beide.
Die SchwefelsĂ€ure ist eine starke SĂ€ure, sodass sie in Wasser gelöst ĂŒberwiegend deprotoniert vorliegt, das heiĂt als Hydrogensulfat-Ionen. Durch die Abgabe der Wasserstoff-Ionen (H+) wird die Lösung sauer. SchwefelsĂ€ure und Hydrogensulfat entstehen in der AtmosphĂ€re durch industrielle Abgase und VulkanausbrĂŒche und bilden sogenannte Sulfat-Aerosole. Diese sind mitverantwortlich fĂŒr sauren Regen. Sulfat-Ionen sind in der Umwelt verbreitet, so sind sie nach Chlorid-Ionen die zweithĂ€ufigsten Anionen im Meerwasser. Auch in Mineralwasser, in Lebensmitteln und in Salzseen kommen sie vor. Sulfat-Ionen bilden mit Metallen Salze, die zum Teil natĂŒrlich als Minerale vorkommen. Das hĂ€ufigste Salz der SchwefelsĂ€ure ist das Calciumsulfat. Es tritt natĂŒrlich in mehreren Formen auf, unter anderem als Gips CaSO4·2H2O mit zwei MolekĂŒlen Kristallwasser. Ein weiteres hĂ€ufig vorkommendes Salz ist das Bariumsulfat, das natĂŒrlich als Baryt (Schwerspat) vorkommt.
SchwefelsĂ€ure-Salze, die nicht (oder nicht reichlich) in der Natur vorkommen, werden industriell hergestellt, wobei in den meisten Reaktionen SchwefelsĂ€ure verwendet wird. Diese kann direkt mit einem Metall umgesetzt werden, zum Beispiel zur Herstellung von Chromsulfat aus Chrom. Anderseits können durch die SchwefelsĂ€ure auch Sulfate aus Salzen mit anderen Anionen hergestellt werden, beispielsweise Kupfersulfat aus Kupferoxid. Sulfat-Salze sind Zwischenprodukte in der chemischen Industrie, aus ihnen werden oft andere Verbindungen hergestellt. Weiterhin werden sie in der Bauindustrie, als DĂŒnger, als Gerbstoff sowie medizinisch eingesetzt.
SchwefelsĂ€ure-Ester kommen als Intermediate im menschlichen und tierischen Metabolismus vor. Verschiedene Giftstoffe wie das Phenol werden im Körper in Sulfate umgewandelt, bevor sie ausgeschieden werden. Körpereigene Verbindungen wie Hormone und das Adrenalin werden im Körper zeitweise in Form ihrer Sulfate gespeichert. Eine andere biologisch wichtige Gruppe sind Vielfachzucker mit Sulfat-Gruppen, die unter anderem als Gerinnungshemmer im Blut sowie als Strukturbestandteil von Knorpel vorkommen. Eine Gruppe von SchwefelsĂ€ure-Estern aus Pflanzen sind die Glucosinolate, die vor allem in KreuzblĂŒtlern vorkommen. Ihre Abbauprodukte sind fĂŒr den charakteristischen Geschmack dieser Pflanzen verantwortlich, unter anderem fĂŒr die SchĂ€rfe von Senf und Meerrettich. Daneben kommen in Tieren, Pflanzen und anderen Lebewesen viele weitere SchwefelsĂ€ure-Ester vor.
Um SchwefelsĂ€ure-Ester herzustellen, wird vielfach Schwefeltrioxid als Reagenz verwendet. Die direkte Reaktion von SchwefelsĂ€ure mit Alkoholen ist auch möglich, aber von untergeordneter Bedeutung. Eine Untergruppe der Sulfate wird als Tenside verwendet. Diese Verbindungen tragen eine lange organische Gruppe, wĂ€hrend die zweite OH-Gruppe als Anion vorliegt. Ein Beispiel ist das Natriumlaurylsulfat. Der organische Rest dieser Verbindung enthĂ€lt zwölf Kohlenstoffatome. Das Gegenion fĂŒr die negative Ladung ist ein Natrium-Ion. Andere SchwefelsĂ€ure-Ester werden als Textilfarbstoffe und als Medikamente verwendet.
Contents
âą Geschichte
âą Vorkommen
âą Minerale
âą Reaktionen
âą Hydrolyse
âą Verwendung
âą Bauwesen
âą Medizin
âą Nachweis
âą Anhang
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Geschichte
Unterschiedliche Formen von Calciumsulfat wurden schon in der Bronzezeit als Baustoff verwendet und auch andere Sulfate werden schon mindestens seit der Antike genutzt. Chemisch beschrieben wurden die ersten Salze aus dieser Gruppe allerdings im 17. Jahrhundert. Die Herstellung von SchwefelsĂ€ure-Estern, ihre biologische Bedeutung und ihr natĂŒrliches Vorkommen sind erst seit dem 19. Jahrhundert bekannt.
Im östlichen Mittelmeerraum und im Nahen Osten war die Verwendung von Gipsmörtel schon vor Jahrtausenden verbreitet. Im alten Ăgypten ist die Verwendung im dritten Jahrtausend vor Christus belegt. Antike StĂ€tten, an denen die Verwendung belegt ist, sind der Alte Palast von AĆĄĆĄur und die Ruinen von Amarna. Im Partherreich wurde Gipsmörtel verwendet, um Gewölbe zu bauen. Von der Zeit des Römischen Reichs bis ins 19. Jahrhundert war Kalkmörtel (mit Calciumcarbonat) wesentlich weiter verbreitet, allerdings wurde auch im Mittelalter zum Teil Gipsmörtel verwendet, zum Beispiel in Frankreich.cite-ref-1[1] Die Verwendung von Calciumsulfat in Zement wird seit Ende des 19. Jahrhunderts erforscht, seit den 1930er-Jahren wird es verbreitet eingesetzt.cite-ref-0-2-0[2] In der Bronzezeit wurde Gips-Alabaster im Minoischen Kreta viel fĂŒr dekorative Bauelemente verwendet. Gegen Ende der Bronzezeit wurde Gips-Alabaster aus kretischen SteinbrĂŒchen auch anderswo verwendet, beispielsweise fĂŒr BĂ€nke in Mykene. In den Ruinen von Akrotiri auf Santorini wurde es fĂŒr Bodenfliesen verwendet.cite-ref-3[3] Alabaster ist leicht zu bearbeiten und war im Mittelalter und in der Neuzeit ein verbreitetes und beliebtes Material fĂŒr Skulpturen und Monumente. Er wurde vor allem in Zentralengland, in Nordspanien und den französischen Alpen abgebaut und ĂŒber weite Strecken gehandelt. Im Jahre 1550 wurden religiöse Skulpturen in England verboten (siehe Reformatorischer Bildersturm) und im groĂen Stil Alabasterfiguren nach Frankreich gebracht.cite-ref-4[4]
Sulfate wurden vielfach historisch als Farbstoffe und Pigmente verwendet. Im Alten Ăgypten wurden Calciumsulfat und Jarosit, KFe3[(OH)6(SO4)2], zur Dekoration von WĂ€nden verwendet.cite-ref-5[5] Das Pigment Jarosit wurde daneben in Mittelamerika in GefĂ€Ăen aus einer GrabstĂ€tte in TeotihuacĂĄn gefunden.cite-ref-6[6] Im Mittelalter und in der Neuzeit war die Nutzung von Eisen-Gallus-Tinte weitverbreitet. Diese wurde aus Pflanzengalle und Eisen(II)-sulfat zubereitet.cite-ref-7[7] Alaun (Kaliumaluminiumsulfat) wurde frĂŒher in der Lederherstellung (Gerberei) verwendet, möglicherweise schon im Alten Ăgypten.cite-ref-63-8-0[8] Sicher war es in der Antike in Rom und Griechenland bekannt.cite-ref-2-9-0[9] Die Technik des Gerbens mit Alaun war in der Antike und im Mittelalter weitverbreitet, obwohl der Effekt auf das Leder nicht permanent war, da das Alaun wieder ausgewaschen werden konnte.cite-ref-63-8-1[8] WĂ€hrend des gesamten Mittelalters war Alaun ein viel produziertes Industrieprodukt. Neben der Verwendung in der Lederverarbeitung wurde es als Beize in der WollfĂ€rberei verwendet. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es nach und nach durch andere Verbindungen verdrĂ€ngt, insbesondere durch Aluminiumsulfat, sodass es heute kaum noch Bedeutung hat.cite-ref-2-9-1[9]
Die ersten SchwefelsĂ€ure-Salze waren schon im 17. Jahrhundert als solche bekannt. Natriumsulfat, konkret sein Decahydrat, auch als Glaubersalz bezeichnet, wurde um 1625 von Johann Rudolf Glauber beschrieben. Er analysierte Wasser aus einer Heilquelle in der NĂ€he von Neapel. Dabei entdeckte er ein Salz, Natriumsulfat, das er Sal mirabile nannte. Jahre spĂ€ter fand er heraus, dass Natriumsulfat aus Steinsalz (Natriumchlorid) und SchwefelsĂ€ure hergestellt werden kann.cite-ref-10[10] Magnesiumsulfat aus einer Mineralquelle in Epsom, England wurde Ende des 17. Jahrhunderts wissenschaftlich beschrieben. Sowohl das Quellwasser als auch das Salz hatten eine medizinische Wirkung und wurden schon damals als AbfĂŒhrmittel und gegen Kopfschmerzen eingesetzt.cite-ref-11[11]
Die medizinische Verwendung von Gips in der Behandlung von KnochenbrĂŒchen begann Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals wurden hierzu HolzkĂ€sten verwendet, die mit gegossenem Gips aufgefĂŒllt wurden. Diese Technik war zu der Zeit in Europa verbreitet, aber unpraktisch, da die Gipskonstruktionen zu schwer waren, um das Krankenbett damit zu verlassen. Mit Gips fixierte Bandagen fĂŒr GipsverbĂ€nde kamen erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf und wurden noch lĂ€ngere Zeit in KrankenhĂ€usern frisch hergestellt. Erst in den 1930er-Jahren wurden gebrauchsfertige Gipsbandagen kommerziell verfĂŒgbar.cite-ref-27-12-0[12] Eine weitere medizinische Errungenschaft ist die Verwendung von Magnesiumsulfat zur Behandlung von Krampfbeschwerden im Rahmen der Schwangerschaft (Eklampsie). Zum ersten Mal eingesetzt wurde die Verbindung in diesem Zusammenhang im Jahr 1916. Bis 1930 hatte Magnesiumsulfat andere weniger geeignete Medikamente (beispielsweise Opioide) bei der Behandlung solcher Beschwerden fast vollstĂ€ndig verdrĂ€ngt und zu einer deutlichen Verringerung der MĂŒttersterblichkeit gefĂŒhrt.cite-ref-38-13-0[13]
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde eine gröĂere Zahl an Naturstoffen mit Sulfat-Gruppen entdeckt. So wurde schon 1873 das Pflanzengift Atractylosid im Gummi-Spindelkraut entdeckt.cite-ref-54-14-0[14] Die Umwandlung von Giftstoffen in SchwefelsĂ€ure-Ester in Lebewesen (Sulfatierung) wurde kurz darauf entdeckt. 1876 berichtete Eugen Baumann von der Entdeckung einer unbekannten Verbindung aus Urin. Diese hielt er zunĂ€chst irrtĂŒmlich fĂŒr eine SulfonsĂ€ure, identifizierte sie aber kurz darauf korrekt als Kaliumphenylsulfat. In seiner weiteren Arbeit stellte er unter anderem fest, dass eingenommenes Phenol von Menschen und Hunden in diese Verbindung umgewandelt wird, dass das Sulfat wesentlich weniger giftig ist als Phenol selbst und dass Brenzcatechin und Indol ebenfalls Sulfate bilden.cite-ref-62-15-0[15] Zu den frĂŒh entdeckten natĂŒrlichen Sulfaten gehören die Senfölglycoside beziehungsweise Glucosinolate aus den KreuzblĂŒtlern. Mehrere Vertreter dieser Gruppe wurden zwischen 1897 und 1899 isoliert, darunter das Gluconasturtiin aus der Brunnenkresse und das Sinalbin aus dem WeiĂen Senf.cite-ref-55-16-0[16] Eine weitere Gruppe natĂŒrlicher SchwefelsĂ€ure-Ester sind die von Flavonoiden abgeleiteten, von denen der erste, Persicarin, 1937 aus dem Wasserpfeffer isoliert wurde.cite-ref-56-17-0[17] Das Heparin, ein natĂŒrlich im Blut vorkommendes gerinnungshemmendes Mittel (Antikoagulans), wurde 1916 entdeckt. Seit 1935 wird es medizinisch eingesetzt.cite-ref-57-18-0[18] Phosphoadenosinphosphosulfat ist eine chemisch aktivierte Form des Sulfat-Ions, die in Lebewesen zur Bildung von SchwefelsĂ€ure-Estern dient. Dieses MolekĂŒl wurde in den 1950er-Jahren entdeckt und seine Struktur und Biosynthese wurden aufgeklĂ€rt.cite-ref-19[19]
EugÚne-Melchior Péligot und Jean-Baptiste Dumas stellten 1835 zum ersten Mal Dimethylsulfat und Diethylsulfat her, indem sie Methanol beziehungsweise Ethanol mit SchwefelsÀure destillierten. Um 1900 begann in Lyon die industrielle Herstellung von Dimethylsulfat aus Schwefeltrioxid und Dimethylether.cite-ref-4-20-0[20] Im 20. Jahrhundert wurden verschiedene Synthesemethoden zur Herstellung von SchwefelsÀure-Estern entwickelt. So wurden in den 1930er- und 1940er-Jahren Methoden zur Veresterung von Alkoholen mit Schwefeltrioxid und seinen Komplexen entwickelt.cite-ref-26-21-0[21]
Vertreter und Eigenschaften
Das Hydrogensulfat (HSO4â) und das Sulfat (SO42â) sind die einfach und zweifach deprotonierten Anionen der zweiprotonigen SchwefelsĂ€ure (H2SO4). Die Salze, die diese Anionen enthalten, lassen sich demnach in Hydrogensulfate (auch primĂ€re Sulfate) und Sulfate (auch sekundĂ€re Sulfate) einteilen. Bei einwertigen Kationen MI gelten die Summenformeln MIHSO4 und MI2SO4.cite-ref-12-22-0[22] Alaune sind Doppelsalze aus ein- und dreiwertigen Kationen mit der allgemeinen Summenformel MIMIII(SO4)2 · 12 H2O.cite-ref-12-22-1[22] Als Vitriole werden die Sulfate zweiwertiger Nebengruppen-Metalle (Kupfervitriol, Eisenvitriol etc.) sowie des Magnesiums bezeichnet, die vier bis sieben MolekĂŒle Kristallwasser enthalten.cite-ref-23[23] Die Ester der SchwefelsĂ€ure, die eine kovalent gebundene Sulfat-Gruppe enthalten, werden ebenso als Sulfate bezeichnet. Dazu gehören einerseits die Diester, bei denen zwei MolekĂŒle eines Alkohols mit der SĂ€ure verestert sind (RO-SO2-OR), andererseits auch die Monoester (RO-SO2-OH) und deren Salze (RO-SO3-MI).cite-ref-12-22-2[22]
SchwefelsÀure-Salze
Die meisten Sulfate sind in Wasser löslich. Ausnahmen bilden die wenig oder schwer löslichen Sulfate einiger Erdalkalimetalle, Calciumsulfat, Strontiumsulfat, Bariumsulfat und Radiumsulfat sowie das Blei(II)-sulfat.cite-ref-12-22-3[22]cite-ref-35-24-0[24] Das Radiumsulfat ist das am schlechtesten lösliche bekannte Sulfat.cite-ref-gmelin-25-0[25] Bismut(III)-sulfat, Chrom(III)-sulfat und Quecksilber(II)-sulfat sind in reinem Wasser schlecht löslich, lösen sich aber gut in SÀuren.cite-ref-35-24-1[24] In der folgenden Tabelle ist eine Auswahl an Sulfatsalzen mit ihren Eigenschaften gegeben sowie je zwei Beispiele der Hydrogensulfate und der Alaune.
| Salze der SchwefelsÀure | Salze der SchwefelsÀure | Salze der SchwefelsÀure | Salze der SchwefelsÀure | Salze der SchwefelsÀure | Salze der SchwefelsÀure |
|---|---|---|---|---|---|
| Name | Formel | Farbe | Wasserlöslichkeit | Schmelzpunkt | Quelle |
| Ammoniumsulfat | (NH 4 ) 2 SO 4 | farblos | hoch | 235 °C (Zersetzung) | [ 26 ] |
| Natriumsulfat | Na 2 SO 4 | weià | hoch | 888 °C | [ 27 ] |
| Kaliumsulfat | K 2 SO 4 | farblos bis weià | hoch | 1067 °C | [ 28 ] |
| Magnesiumsulfat | MgSO 4 | weià | hoch | 1124 °C (Zersetzung) | [ 29 ] |
| Calciumsulfat | CaSO 4 | weià | gering | 1450 °C | [ 30 ] |
| Strontiumsulfat | SrSO 4 | weià | sehr gering | 1605 °C | [ 31 ] |
| Bariumsulfat | BaSO 4 | weià | praktisch unlöslich | 1600 °C (Zersetzung) | [ 32 ] |
| Aluminiumsulfat | Al 2 (SO 4 ) 3 | weià | hoch | 770 °C (Zersetzung) | [ 33 ] |
| Chrom(III)-sulfat | Cr 2 (SO 4 ) 3 | rotviolett | gering | 700 °C (Zersetzung) | [ 34 ] |
| Mangansulfat | MnSO 4 | weià | hoch | 700 °C | [ 35 ] |
| Eisen(II)-sulfat | FeSO 4 | weiĂ, als Heptahydrat blĂ€ulich oder grĂŒnlich | hoch | 400 °C (Zersetzung) | [ 36 ] |
| Nickelsulfat | NiSO 4 | gelb, als Hexahydrat grĂŒn oder blau | hoch | 840 °C (Zersetzung) | [ 37 ] |
| Kupfersulfat | CuSO 4 | weià | hoch | 560 °C (Zersetzung) | [ 38 ] |
| Zinksulfat | ZnSO 4 | Weià | hoch | 680 °C (Zersetzung) | [ 39 ] |
| Natriumhydrogensulfat | NaHSO 4 | farblos | hoch | 315 °C (Zersetzung) | [ 40 ] |
| Kaliumhydrogensulfat | KHSO 4 | farblos | hoch | ca. 195-214 °C (Zersetzung) | [ 41 ] |
| Kaliumalaun | KAl(SO 4 ) 2 ·12 H 2 O | farblos | hoch | 92,5 °C | [ 42 ] |
| Chromalaun | KCr(SO 4 ) 2 ·12 H 2 O | dunkelviolett | hoch | 89 °C | [ 43 ] |
SchwefelsÀure-Ester
Symmetrische Dialkylsulfate bis einschlieĂlich Dihexylsulfatcite-ref-44[S 1] sind wenig flĂŒchtige FlĂŒssigkeiten.cite-ref-4-20-1[20] Dimethylsulfat hat einen Schmelzpunkt von â32 °C, eine Dichte von 1,33 g/mL und zersetzt sich ab 188 °C.cite-ref-gestis2-45-0[44] Diethylsulfat hat einen Schmelzpunkt von â25 °C, eine Dichte von 1,18 g/mL und zersetzt sich ab 205 °C.cite-ref-gestis1-46-0[45] In Wasser sind die Dialkylsulfate schlecht löslich, in aromatischen Kohlenwasserstoffen und polaren organischen Lösungsmitteln gut löslich. Dialkylsulfate sind starke Alkylierungsmittel. Sie sind um so reaktiver, je kĂŒrzer die Alkylreste sind.cite-ref-68-47-0[46]
Dimethylsulfat, Diethylsulfat und andere SchwefelsĂ€ure-Ester mit kurzkettigen Alkylresten sind sehr giftig, wozu die sehr gute HautgĂ€ngigkeit der kurzkettigen Ester wesentlich beitrĂ€gt.cite-ref-gestis2-45-1[44] Bei der Exposition gegenĂŒber geringen Konzentrationen Dimethylsulfat treten zunĂ€chst nur geringe Symptome auf, jedoch kann es nach stundenlanger Verzögerung zu einem Lungenödem kommen. Durch die Eigenschaften als Alkylierungsmittel wirkt es krebserregend und kann unter anderem Nasenkrebs verursachen. Es wirkt zudem durch Methylierung der DNA mutagen. DNA-Basen und damit das Erbgut werden durch Ăbertragung von Methylgruppen modifiziert, was zu genetischen Defekten fĂŒhren kann. Durch die langsamere Hydrolyse ist die akute ToxizitĂ€t von Diethylsulfat geringer als die von Dimethylsulfat, die Symptome sind jedoch Ă€hnlich und können bis zu Lungenödemen reichen.cite-ref-68-47-1[46]
Abgrenzung zu anderen Stoffgruppen
Neben den Sulfaten bildet Schwefel eine Reihe weiterer strukturell verwandter Verbindungen und Verbindungsklassen. Die Sulfite sind die Salze und Ester der schwefligen SĂ€ure. Bei diesen weist der Schwefel eine niedrigere Oxidationszahl auf und ist nur an drei Sauerstoffatome gebunden.cite-ref-48[47] Bei den SulfonsĂ€uren trĂ€gt der Schwefel drei Sauerstoffatome und eine Kohlenstoffkette.cite-ref-49[48] Das Gleiche gilt fĂŒr deren Salze und Ester, die Sulfonate.cite-ref-50[49] Ein Schwefelatom, das zwei Sauerstoffatome und zwei Kohlenstoffketten trĂ€gt, liegt in den Sulfonen vor.cite-ref-51[50] Bei der AmidosulfonsĂ€ure trĂ€gt das zentrale Schwefelatom drei Sauerstoffatome und ein Stickstoffatom.cite-ref-52[51] Ihre Salze und Ester heiĂen Sulfamate. Thiosulfate weisen ein zentrales Schwefelatom auf, das neben drei Sauerstoffatomen an ein weiteres Schwefelatom gebunden ist.cite-ref-53[52] Ein Kondensationsprodukt aus zwei MolekĂŒlen SchwefelsĂ€ure ist die DischwefelsĂ€ure.cite-ref-54[53] Ihre Salze und Ester werden als Disulfate oder Pyrosulfate bezeichnet.cite-ref-55[54]
Das Sulfat-Ion und das Hydrogensulfat-Ion
Die BindungsverhĂ€ltnisse im Sulfat-Ion können entweder durch mesomere Grenzstrukturen mit delokalisierten Ï-Bindungen und zwei negativ geladenen Sauerstoffatomen oder durch Ladungstrennung mit zweifach positiv geladenem Schwefelatom und negativer Ladung an jedem Sauerstoffatom beschrieben werden. Gilbert Lewis veröffentlichte 1916 die Theorie, dass Atome in Verbindungen bevorzugt acht AuĂenelektronen tragen (Oktettregel), und sah dies beim Sulfat-Ion als gegeben.cite-ref-56[55] Verschiedene moderne Berechnungen stĂŒtzen diese Ansicht: Die S-O-Bindungen weisen einen erheblichen ionischen Charakter auf, das heiĂt eine Ladungstrennung. AuĂerdem mĂŒssten zusĂ€tzliche Bindungen, die ĂŒber eine Anzahl von vier hinausgehen, durch d-Orbitale ausgebildet werden. Diese spielen aber vermutlich kaum eine Rolle, da Berechnungen zufolge im zeitlichen Mittel nur 0,19 Elektronen im gesamten MolekĂŒl in d-Orbitalen vorliegen. FĂŒr ein hexavalentes Schwefelatom wĂ€ren aber vier d-Elektronen nötig. Obwohl heutiges Wissen klar fĂŒr eine Struktur mit vierbindigem Schwefel spricht, ist die Darstellung mit sechsbindigem Schwefel verbreitet.cite-ref-57[56]
In wĂ€ssriger Lösung verfĂŒgen Ionen ĂŒber eine sogenannte HydrathĂŒlle aus WassermolekĂŒlen, die ĂŒber elektrostatische KrĂ€fte an das Ion gebunden sind. Beim Sulfat-Ion besteht die HydrathĂŒlle aus 13 WassermolekĂŒlen.cite-ref-58[57] Das Sulfat-Ion weist in Lösung eine Tetraeder-Symmetrie auf. Die S-O-Bindungen sind alle gleichwertig und gleich lang.cite-ref-59[58] In kristallinen Feststoffen hĂ€ngt die Struktur von Sulfat-Ionen von der Zusammensetzung des jeweiligen Salzes ab. Die Winkel zwischen zwei S-O-Bindungen schwanken dabei zwischen 95° und 120°, die BindungslĂ€ngen der S-O-Bindungen schwanken zwischen 1,4 und 1,8 Ă
.cite-ref-60[59]
SchwefelsĂ€ure ist eine zweiprotonige SĂ€ure. Zum pKS-Wert der ersten Deprotonierung der SchwefelsĂ€ure liegen in der Literatur sehr unterschiedliche Angaben zwischen â2 und â9 vor. Eine theoretische Analyse aus dem Jahr 2018 kommt beispielsweise auf einen Wert zwischen â4,5 und â8,6.cite-ref-61[60] UnabhĂ€ngig vom genauen pKS-Wert handelt es sich eindeutig um eine starke SĂ€ure, die in wĂ€ssriger Lösung praktisch quantitativ deprotoniert vorliegt. Das Hydrogensulfat-Ion reagiert ebenfalls sauer, ist aber keine starke SĂ€ure. Seine Dissoziationskonstante K ist 0,0103,cite-ref-62[61] was einem pKS-Wert von 1,99 entspricht. Folglich enthĂ€lt eine wĂ€ssrige Lösung kaum undissoziierte SchwefelsĂ€ure-MolekĂŒle, sondern hauptsĂ€chlich Hydrogensulfat-Ionen und kleinere Mengen an Sulfat-Ionen. SchwefelsĂ€ure zeigt eine nennenswerte Autoprotolyse, die ausgeprĂ€gter ist als bei Wasser: Bei der SchwefelsĂ€ure betrĂ€gt die Autoprotolyse-Konstante 3,6, bei Wasser 14. Auch in konzentrierter SchwefelsĂ€ure liegen demnach Hydrogensulfat-Ionen vor.cite-ref-63[62]
Vorkommen
Freie Sulfat-Ionen sind in der Natur weitverbreitet. Salze des Ions treten in Form mehrerer hundert Minerale auf. SchwefelsÀure-Ester spielen eine wichtige Rolle in vielen Lebewesen, inklusive Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen.
Vorkommen von Sulfat-Ionen
Sulfat ist eines der hĂ€ufigsten Anionen in Mineralwasser, neben Chlorid und Hydrogencarbonat.cite-ref-64[63] Im Meerwasser ist es das zweithĂ€ufigste Anion mit einem Gehalt von 2,71 g/kg oder 2700 ppm.cite-ref-65[64]cite-ref-19-66-0[65] Chlorid-Ionen kommen mit gut 19 g/kg in deutlich gröĂerer Menge vor. Alle weiteren Anionen, darunter Bromid und Carbonat, kommen mit unter 0,2 g/kg in deutlich kleineren Mengen vor.cite-ref-19-66-1[65] Das Wasser in Salzseen enthĂ€lt oft erhebliche Mengen Sulfat, allerdings ist die Ionen-Zusammensetzung solcher Seen sowohl regional als auch saisonal sehr unterschiedlich.cite-ref-5-67-0[66] Schwefel ein essenzielles Element fĂŒr Pflanzen und liegt ĂŒberwiegend in Form von Sulfat vor, zum Teil zu ĂŒber 90 %.cite-ref-68[67] Sulfat-Ionen sind Ausgangsprodukt der Schwefelassimilation bei Pflanzen und Mikroorganismen. Dabei werden Sulfat-Ionen reduziert und ĂŒberwiegend in Cystein umgewandelt.cite-ref-33-69-0[68]
Sulfat ist in allen Lebensmitteln enthalten, der Gehalt ist aber von Produkt zu Produkt sehr verschieden. In einer Studie Anfang der 1990er-Jahre wurden die Sulfat-Gehalte in vielen Lebensmitteln ermittelt. Die höchsten Werte wurden in verarbeiteten Lebensmitteln gefunden, insbesondere in getrockneten Ăpfeln (49 ÎŒmol/g) und getrockneten Aprikosen (30 ÎŒmol/g), etwas niedrigere in anderen TrockenfrĂŒchten wie Rosinen (13 ÎŒmol/g) und Datteln (11 ÎŒmol/g). Der hohe Gehalt ist dabei vermutlich auf die Konservierung durch Schwefeln zurĂŒckzufĂŒhren, wobei Schwefeldioxid, Sulfit oder Disulfit zugesetzt wird. Neben Sulfat-Ionen, die als Verunreinigung in Sulfit oder Disulfit vorliegen können, kann Sulfat durch Oxidation der zugesetzten Verbindungen entstehen. Hohe Werte ĂŒber 10 ÎŒmol/g wurden anderweitig in Weizenbrot (13 ÎŒmol/g bis 15 ÎŒmol/g) und Sojamehl (12 ÎŒmol/g) und gefunden. Unter den unverarbeiteten Lebensmitteln enthalten Pflanzen der Gattung Brassica (Kohl) besonders viel freies Sulfat und gröĂere Mengen gebundenes Sulfat in Form von Glucosinolaten (siehe unten). Hierzu gehören Brunnenkresse (11 ÎŒmol/g) und Brokkoli, Rosenkohl, Rotkohl und WeiĂkohl (8 ÎŒmol/g bis 10 ÎŒmol/g). Frisches Obst und GemĂŒse enthĂ€lt ansonsten meist wenig Sulfat. Mandeln und HaselnĂŒsse (je 9 ÎŒmol/g) sowie andere NĂŒsse und Samen enthalten jedoch höhere Mengen.cite-ref-70[69]
Minerale
Viele Metallsulfate kommen in der Natur in Form von Mineralen vor. Die Sulfatminerale weisen ĂŒberwiegend ein nichtmetallisches Aussehen auf sowie eine geringe Dichte und HĂ€rte.cite-ref-36-71-0[70] Viele Vertreter der Gruppe sind wasserlöslich und wenig bestĂ€ndig.cite-ref-52-72-0[71] Die Sulfate der Erdalkalimetalle sind besonders stabil und am weitesten verbreitet.cite-ref-36-71-1[70] Sulfatminerale können auf unterschiedlichen Wegen gebildet werden. Dazu gehört einerseits die AusfĂ€llung aus wĂ€ssriger Lösung (sowohl im Meer als auch in Seen) andererseits die Oxidation von Sulfiden und anderen Schwefel-Verbindungen.cite-ref-52-72-1[71]
In den gĂ€ngigen Mineralsystematiken bilden die Sulfatminerale eigene Systemklassen. In der von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierten 9. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz bilden die Sulfate eine Klasse, zu der auch die Selenate, Tellurate, Chromate, Molybdate und Wolframate gerechnet werden.cite-ref-73[72] Die Lapis-Systematik leitet sich von der alten Systematik nach Strunz in der 8. Auflage ab und enthĂ€lt analog eine Klasse Sulfatminerale (einschlieĂlich Chromate, Molybdate und Wolframate).cite-ref-lapis-74-0[73] In der Mineralsystematik nach Dana bilden die Sulfate zusammen mit den Chromaten und Molybdaten eine eigene Klasse, die aus neun Abteilungen besteht. Aufgeteilt sind diese je nach Vorhandensein von Kristallwasser sowie weiteren Anionen.cite-ref-75[74]cite-ref-76[75] Stand 2018 waren rund 450 Sulfat-Minerale bekannt.cite-ref-lapis-74-1[73]
Calciumsulfat
Calciumsulfat (CaSO4) ist das mit Abstand am weitesten in der Natur verbreitete Sulfat und tritt in mehreren Mineralarten und -varietĂ€ten auf. Mit Kristallwasseranteil wird es als Gips (CaSO4·2H2O) oder Bassanit (CaSO4·œH2O) bezeichnet, ohne als Anhydrit. Gips ist das hĂ€ufigste Sulfatmineral, weltweit existieren viele Vorkommen und enorme Reserven.cite-ref-23-77-0[76]cite-ref-78[77] Es ist ein Evaporit-Mineral, das heiĂt, es entsteht durch AusfĂ€llung aus wĂ€ssriger Lösung, wenn diese durch Verdunstung aufkonzentriert wird. Möglich ist dies bei Meerwasser und in Seen, wenn diese eine hohe Sulfatkonzentration aufweisen.cite-ref-23-77-1[76] Die Minerale Gips, Bassanit und Anhydrit können sich in AbhĂ€ngigkeit der Feuchtigkeit oder der Trockenheit der Umgebung leicht ineinander umwandeln.cite-ref-24-79-0[78] Wird Gips unter anderem Material begraben, fĂŒhren erhöhter Druck und erhöhte Temperatur (ab 42 °C) zur EntwĂ€sserung und Bildung von Anhydrit. Gelangt der Anhydrit wieder an die ErdoberflĂ€che, wird mit der Zeit Gips zurĂŒckgebildet. Oft treten deshalb beide Formen gemeinsam auf.cite-ref-80[79]
In einigen Weltregionen liegen geeignete Bedingungen fĂŒr die Neubildung von Gips vor. Ein Beispiel fĂŒr die Bildung aus Meerwasser ist der Persische Golf; Seen, an denen Gips gebildet wird, sind zum Beispiel der GroĂe Salzsee in Utah (Vereinigte Staaten), die Laguna de Callocanta (Spanien) und der Tschad-See. Besonders alte Gips-Vorkommen liegen in Australien und Nordwestrussland. Geologisch jĂŒngere Vorkommen existieren in Kanada und den Vereinigten Staaten, in Mitteleuropa (Zechstein) und in den Anden.cite-ref-23-77-2[76] Im White-Sands-Nationalpark in New Mexico gibt es SanddĂŒnen, die zu 96 % aus feinen Gipskörnern bestehen.cite-ref-81[80] Eine reinweiĂe und extrem feinkörnige Gipsvariante wird Alabaster genannt, transparente Gips-Einkristalle bilden das Marienglas.cite-ref-82[81] In der Mine von Naica in Mexiko kommen riesige Kristalle aus Marienglas vor, die bis zu elf Meter lang und einen Meter dick sind.cite-ref-83[82] Sandrosen bestehen aus verwachsenen Gipskristallen und Sandkörnern.cite-ref-84[83] In der Atacama-WĂŒste gibt es gröĂere Vorkommen von Calciumsulfat, die aufgrund der Trockenheit hauptsĂ€chlich aus Anhydrit mit einer dĂŒnnen Gipsschicht bestehen.cite-ref-24-79-1[78] Vorkommen von Bassanit sind selten, er wurde aber in der kalifornischen WĂŒste, am Vesuv und in Ălsanden aus Zentralasien nachgewiesen,cite-ref-85[84] auĂerdem in der Cioclovina-Höhle in RumĂ€nien.cite-ref-86[85] Anhydrit, Bassanit und Gips wurden auch auf dem Mars entdeckt.cite-ref-87[86] In der nördlichen Polarregion des Planeten wurde Calciumsulfat nachgewiesen, bei dem es sich vermutlich ĂŒberwiegend um Gips handelt.cite-ref-88[87]
Andere Minerale
Die bedeutendsten Sulfatminerale neben den Calciumsulfaten sind Baryt (Schwerspat, BaSO4), Coelestin (SrSO4), Anglesit (PbSO4) und Epsomit (MgSO4·7 H2O).cite-ref-36-71-2[70]cite-ref-89[88] Anglesit bildet sich als SekundĂ€rmineral aus Galenit (PbS). Oft wird Galenit jedoch stattdessen zu Cerussit (PbCO3) umgewandelt, sodass Anglesit im Gegensatz zu diesen beiden Mineralen seltener ist.cite-ref-90[89] Kupfersulfat-Pentahydrat kommt natĂŒrlich als Chalkanthit vor.cite-ref-91[90] Kaliumsulfat kommt natĂŒrlich in Form des Minerals Arcanit vor, das in Guano-Ablagerungen und Fumarolen gefunden wurde.cite-ref-92[91] Es ist eine zweistellige Zahl an Sulfat-Mineralen bekannt, die in und um Salzseen vorkommen. HĂ€ufige Vertreter neben Gips sind Blödit (Na2Mg[SO4]2·4 H2O), Mirabilit (Na2SO4·10 H2O), Thenardit (Na2SO4) sowie Epsomit (MgSO4·7 H2O) und Hexahydrit (MgSO4·6 H2O).cite-ref-5-67-1[66]
Biominerale
Biominerale sind mineralische Verbindungen, die von Lebewesen gebildet werden. Sie dienen unter anderem als Sinnesorgane und als Strukturelemente im Skelett. Verschiedene Sulfat-Minerale kommen als Biominerale in Lebewesen vor, vorwiegend in solchen, die im Meer leben.cite-ref-93[92] Die einzelligen Acantharia besitzen ein Skelett, das aus zehn oder zwanzig Skleriten (Skelett-Segmenten) besteht. Bei diesen handelt es sich jeweils um Einkristalle aus Coelestin (Strontiumsulfat).cite-ref-94[93] Sulfatminerale, insbesondere Bassanit (CaSO4 · œ H2O), kommen als Biominerale in sogenannten Statolithen bei Quallen vor. Dabei handelt es sich um kleine Kristalle, die der Wahrnehmung der Schwerkraft dienen.cite-ref-95[94] Die Schirmquallen und WĂŒrfelquallen besitzen beide Statolithen aus Calciumsulfat.cite-ref-21-96-0[95] Bei den Statolithen der Kronenqualle handelt es sich um Bassanit-Einkristalle mit einer LĂ€nge von etwa 60 ÎŒm und einem Durchmesser von etwa 15 ÎŒm.cite-ref-22-97-0[96] Statolithen von WĂŒrfelquallen der Gattung Carybdea bestehen ebenfalls aus Bassanit, allerdings in Form eines Clusters anstatt in Form von Einkristallen.cite-ref-21-96-1[95] Bassanit wird normalerweise leicht zu Gips hydratisiert, was aber durch Einbettung in Membranen verhindert wird. Mit einer 32 % höheren Dichte gegenĂŒber Gips ist Bassanit zum Zweck der Gravitationswahrnehmung vorteilhaft.cite-ref-22-97-1[96]cite-ref-98[97] Sulfat kann in geringen Mengen in Muschelschalen eingebaut werden, die ĂŒberwiegend aus Aragonit (Calciumcarbonat) bestehen. Bei der Riesenmuschel-Art Hippopus hippopus wurden in der Schale Sulfat-Anteile bis ĂŒber 0,1 % nachgewiesen.cite-ref-99[98] Baryt zur Gravitationswahrnehmung kommt in Algen der Gattung Chara vor.cite-ref-100[99] Neben den Vorkommen in Meereslebewesen wurden im Holz des ZahnbĂŒrstenbaums Bassanit-Kristalle nachgewiesen.cite-ref-101[100]
AtmosphÀrenchemie der Sulfate
Sulfat-Aerosole bestehen vorwiegend aus dissoziierter SchwefelsĂ€ure, das heiĂt in Form von gelösten Hydrogensulfat-Ionen. Sie haben einen erheblichen Einfluss auf das Klima und können insbesondere vorĂŒbergehende AbkĂŒhlungen verursachen.cite-ref-102[101]cite-ref-103[102] Sulfat-Aerosole entstehen aus Schwefeldioxid, das im Wesentlichen aus drei Quellen stammt: Industrielle Abgase, VulkanausbrĂŒche und Oxidation von Dimethylsulfid, das durch Phytoplankton freigesetzt wird. Durch Oxidation des Schwefeldioxids, beispielsweise durch Hydroxylradikale, und Reaktion mit Wasser wird in der AtmosphĂ€re SchwefelsĂ€ure gebildet. SchwefelsĂ€ure- und WassermolekĂŒle bilden feine Partikel, wobei sich durch Dissoziation der SĂ€ure hauptsĂ€chlich Hydrogensulfat-Ionen bilden. Alternativ kann sich Schwefeldioxid im Wasser vorhandener Wolken lösen, wo es durch Wasserstoffperoxid oxidiert wird. Auch in diesem Fall bildet sich SchwefelsĂ€ure, die jedoch sofort in Lösung vorliegt und zu Hydrogensulfat dissoziiert. In beiden FĂ€llen können SchwefelsĂ€ure und Hydrogensulfat durch Reaktion mit Ammoniak zum Teil zu Ammoniumsulfat weiterreagieren. Die abkĂŒhlende Wirkung der Sulfat-Aerosole beruht einerseits auf der Eigenschaft der Partikel, Sonnenlicht zu reflektieren. Andererseits wirken sie als Kondensationskeime fĂŒr die Wolkenbildung und erhöhen die Dichte und die Albedo (die ReflexionsfĂ€higkeit) der Wolken.cite-ref-18-104-0[103]
Sulfat-Aerosole werden oft innerhalb kurzer Zeit ausgewaschen und können sich dadurch nicht in der gesamten AtmosphĂ€re verbreiten. Der KĂŒhlungs-Effekt ist daher ĂŒberwiegend zeitlich und örtlich begrenzt.cite-ref-18-104-1[103] GemÀà einer wissenschaftlichen Studie hat die Freisetzung von Schwefeldioxid durch die Industrie in bestimmten Weltregionen vorĂŒbergehend die KlimaerwĂ€rmung durch Treibhausgase ausgeglichen, insbesondere in Mitteleuropa und den östlichen Vereinigten Staaten.cite-ref-105[104] Speziell bei gröĂeren VulkanausbrĂŒchen wird das freigesetzte Schwefeldioxid bis in die StratosphĂ€re getragen, wo die Aerosolpartikel mehrere Jahre verweilen können und dann globale Klimaeffekte verursachen. Aus der Analyse von Eisbohrkernen können anhand von Sulfat-Ablagerungen RĂŒckschlĂŒsse auf VulkanausbrĂŒche in der Vergangenheit gezogen werden.cite-ref-106[105] Sulfat-Aerosole tragen zum sauren Regen bei. Das Schwefeldioxid gehört neben Kohlendioxid und Stickoxiden zu den wichtigsten Gasen, die in der AtmosphĂ€re zu SĂ€uren reagieren können. SchwefelsĂ€ure (aus Schwefeldioxid) ist eine starke SĂ€ure. Sie dissoziiert daher vollstĂ€ndig zu Hydrogensulfat und Oxonium-Ionen. Die Konzentration an Oxonium-Ionen korreliert direkt mit dem pH-Wert, daher sind die Sulfat-Aerosole stark sauer und ihre Auswaschung aus der AtmosphĂ€re fĂŒhrt zu saurem Regen.cite-ref-107[106]
Beispiele fĂŒr VulkanausbrĂŒche, die zu einer vorĂŒbergehenden AbkĂŒhlung des Klimas fĂŒhrten, sind der Ausbruch des Krakatau 1883 und der Ausbruch des Pinatubo 1991.cite-ref-18-104-2[103] Die durch den Ausbruch des Pinatubo 1991 freigesetzte Menge an Schwefeldioxid betrug etwa 20 Millionen Tonnen. Durch die entstehenden Sulfat-Aerosole war die globale Durchschnittstemperatur 1992 um 0,4 °C kĂ€lter als erwartet und 1993 um 0,1 °C.cite-ref-108[107] Der Ausbruch des Tambora 1815 setzte ungefĂ€hr 60 bis 80 Millionen Tonnen Schwefeldioxid frei und fĂŒhrte weltweit und besonders in Europa zu deutlichen klimatischen AbkĂŒhlungen in den folgenden Jahren, inklusive des sogenannten Jahrs ohne Sommer 1816.cite-ref-109[108] In den Jahren 536 und 540 fanden vermutlich zwei VulkanausbrĂŒche statt, die etwa 30 und 50 Millionen Tonnen Schwefeldioxid freisetzten. Die dadurch erzeugten Sulfat-Aerosole fĂŒhrten zu einer deutlichen AbschwĂ€chung der Sonneneinstrahlung und zu einer vorĂŒbergehenden Verringerung der weltweiten durchschnittlichen Temperatur um mehrere Grad Celsius. Das Jahrzehnt ab 536 war das durchschnittlich kĂ€lteste in den vergangenen zwei Jahrtausenden (siehe Klimaanomalie 536â550).cite-ref-110[109]
Allgemeine biologische Bedeutung
Sulfat-Ionen sind wenig reaktiv und werden sowohl in der Schwefel-Assimilation als auch fĂŒr die Biosynthese von SchwefelsĂ€ure-Estern aktiviert, meist als Phosphoadenosinphosphosulfat (PAPS). Durch Reaktion von Sulfat mit Adenosintriphosphat (ATP) entsteht das gemischte Anhydrid Adenosinphosphosulfat. Dessen Phosphorylierung ergibt PAPS.cite-ref-33-69-1[68] Bei Tieren werden beide Syntheseschritte des PAPS vom gleichen Enzym, der PAPS-Synthase, katalysiert. In Pflanzen, Pilzen und Bakterien werden die beiden Schritte jeweils von zwei verschiedenen Enzymen katalysiert.cite-ref-40-111-0[110]
Die Schwefel-Assimilation ist die Aufnahme von Schwefel-Verbindungen und deren Umwandlung in Verbindungen, die fĂŒr den jeweiligen Organismus besser verwendbar sind. Bei diesem Prozess wird in Pflanzen und Mikroorganismen zunĂ€chst aus Sulfat entweder Adenosinphosphosulfat oder PAPS gebildet. Diese Verbindungen reagieren mit Thiol-Gruppen in Proteinen. Dadurch bilden sich proteingebundene Thiosulfat-Gruppen. Eine solche Gruppe kann durch eine Thiosulfatreduktase zu einer Disulfid-Gruppe reduziert werden. Das zweite Schwefelatom dieser Gruppe wird anschlieĂend unter Abspaltung von Acetat auf O-Acetylserin ĂŒbertragen, wodurch Cystein entsteht.cite-ref-33-69-2[68]
Die Biosynthese von Sulfaten und die dafĂŒr nötigen Sulfotransferasen kommen bei allen Lebewesen vor. Als Quelle fĂŒr die Sulfat-Gruppen dient dabei das PAPS. Sulfotransferasen kommen einerseits im Cytosol (in der ZellflĂŒssigkeit) und andererseits membranstĂ€ndig (an die Zellmembran gebunden) vor. Cytosolische Sulfotransferasen setzen vorwiegend kleine MolekĂŒle um. Dazu gehören die Regulierung von Steroidhormonen und die Entgiftung von organismusfremden Stoffen. Die membranstĂ€ndigen Sulfotransferasen modifizieren ĂŒberwiegend groĂe BiomolekĂŒle wie Proteine und Kohlenhydrate. Die Sulfatierung groĂer BiomolekĂŒle spielt eine Rolle bei vielen biochemischen Prozessen. Modifikationen von Proteoglycanen steuern die Eigenschaften fĂŒr die zellulĂ€re Signaltransduktion und MolekĂŒlerkennung. Weitere Prozesse, bei denen sulfatierte MakromolekĂŒle beteiligt sind, sind der Eintritt von Viren in Zellen und die Regulierung der Blutgerinnung.cite-ref-40-111-1[110]cite-ref-41-112-0[111] Wichtig fĂŒr viele biologische Eigenschaften von BiomolekĂŒlen mit Sulfat-Gruppen ist die Tatsache, dass diese Gruppen bei physiologischen pH-Werten grundsĂ€tzlich deprotoniert vorliegen, sodass diese BiomolekĂŒle insgesamt eine erhebliche negative Ladung aufweisen. Dies beeinflusst wiederum die Löslichkeit, kann die Konformation der MolekĂŒle Ă€ndern und ermöglicht ionische Wechselwirkungen mit anderen MolekĂŒlen.cite-ref-40-111-2[110] Neben den weitverbreiteten Sulfotransferasen, die PAPS als Sulfatquelle nutzen, kommen bei Bakterien auch noch PAPS-unabhĂ€ngige Sulfotransferasen vor. Diese können Sulfat-Gruppen von einem Phenylester auf ein Phenol ĂŒbertragen, wobei ein anderer Phenylester entsteht.cite-ref-113[112]
Vorkommen in Tieren
In vielzelligen Tieren ist die Sulfatierung chemischer Verbindungen ein wichtiger biologischer Prozess, der in allen Organen stattfindet. Das fĂŒr die Sulfatierung nötige PAPS kann bei SĂ€ugetieren in allen Geweben gebildet werden. Stand 2002 waren 44 cytosolische Sulfotransferasen aus SĂ€ugetieren bekannt sowie 32 membranstĂ€ndige Sulfotransferasen.cite-ref-40-111-3[110] Aus dem Cytosol menschlicher Zellen waren Stand 2004 zehn Sulfotransferasen bekannt.cite-ref-41-112-1[111]
Sulfatierung im Metabolismus kleiner MolekĂŒle
Teilweise dient die Sulfatierung endogener (körpereigener) Substanzen dazu, bioaktive Verbindungen in eine stabile, inaktive Speicherform zu ĂŒberfĂŒhren. Sulfotransferasen, die der Regulierung von Hormonen dienen, sind vergleichsweise selektiv fĂŒr ihre jeweiligen Substrate. Sulfotransferasen, die der Entgiftung dienen, können demgegenĂŒber eine gröĂere Bandbreite an MolekĂŒlen umsetzen. Die Estrogen-Sulfotransferase reguliert das MengenverhĂ€ltnis zwischen Estrogenen und ihren Sulfaten.cite-ref-41-112-2[111] Auch das Hormon Pregnenolon wird reguliert, indem es teilweise in das inaktive Pregnenolonsulfatcite-ref-114[S 2] umgewandelt wird. Freie Catecholamine (darunter Dopamin und Adrenalin) werden schnell abgebaut und liegen ĂŒberwiegend in modifizierter Form vor. Die genauen Modifikationen unterscheiden sich zwischen verschiedenen SĂ€ugetier-Arten. Bei Menschen ist die Sulfatierung die hĂ€ufigste Modifikation, wĂ€hrend es bei Ratten die Glucuronidierung ist. Im Gegensatz zu anderen Reaktionen der Catecholamine ist die Sulfatierung reversibel.cite-ref-40-111-4[110]
Die Sulfatierung ist auĂerdem eine verbreitete Form der Konjugatbildung. Viele Fremdstoffe, inklusive Medikamenten, werden durch die Bildung von Sulfaten und anderen Konjugaten in eine biologisch weniger aktive Form ĂŒberfĂŒhrt. Eine Ausnahme stellt der Arzneistoff Minoxidil dar, dessen im Körper gebildetes Sulfat die eigentlich aktive Verbindung ist. Die fĂŒr die Konjugatbildung nötigen Sulfotransferasen kommen vermehrt in der Leber vor. Bei schlecht wasserlöslichen Verbindungen wird durch die Sulfatierung die Wasserlöslichkeit erhöht und die Ausscheidung erleichtert. Zu den körperfremden Verbindungen, die so modifiziert werden, gehören die Phenole, beispielsweise das para-Nitrophenol.cite-ref-40-111-5[110]cite-ref-115[113] Phenol selbst war die erste Verbindung, bei der die Metabolisierung durch Bildung eines Sulfats nachgewiesen wurde.cite-ref-62-15-1[15] Im FettsĂ€urestoffwechsel werden die dabei gebildeten GallensĂ€uren sulfatiert.cite-ref-116[114] Ăber die Nahrung aufgenommene Flavonoide werden ebenso sulfatiert, so wird aus Quercetin und seinen Glycosiden das Quercetin-3'-O-sulfat gebildet.cite-ref-66-117-0[115] Andere körperfremde Stoffe, die im Metabolismus nachweislich zu Sulfaten umgesetzt werden, sind die Medikamente Salbutamol und Levosalbutamol.cite-ref-118[116] Daneben werden auch ĂŒberschĂŒssige körpereigene Verbindungen ĂŒber diesen Weg eliminiert. Beispiele hierfĂŒr sind die SchilddrĂŒsenhormone Triiodthyronin und Tetraiodthyronincite-ref-40-111-6[110] und die AminosĂ€ure Tryptophan, die im Körper zu Indoxylsulfat abgebaut wird.cite-ref-119[117]
Sulfatierung von Kohlenhydraten
Glycosaminoglycane sind Kohlenhydrat-Ketten, die aus zwei sich abwechselnden Zucker-Einheiten bestehen: Einer UronsĂ€ure und einem Aminozucker, die zusĂ€tzlich eine variable Anzahl an Sulfat-Gruppen aufweisen. Die Verbindungen weisen eine groĂe Strukturvielfalt auf, was KettenlĂ€nge und Sulfatierungsgrad angeht. Bei den sogenannten Proteoglycanen sind Glycosaminoglycan-Ketten an Proteine gebunden. Die Proteoglycane erfĂŒllen vielfĂ€ltige biologische Funktionen, unter anderem beim Aufbau von Geweben und der biochemischen Signaltransduktion.cite-ref-40-111-7[110]cite-ref-46-120-0[118] Bei der Biosynthese von Glycosaminoglycanen durch Sulfotransferasen werden zunĂ€chst allgemeine VorlĂ€ufermolekĂŒle gebildet, die zum Ende der Biosynthese an eine bestimmte biologische Funktion angepasst werden.cite-ref-41-112-3[111] Die Polysaccharid-Kette wird dabei sulfatiert, wobei im Allgemeinen mehr als eine Sulfat-Gruppe pro Wiederholeinheit auftreten. Das exakte Muster der Sulfat-Gruppen ist aber je nach genauer Funktion der MolekĂŒle unterschiedlich.cite-ref-46-120-1[118]
Beim Chondroitinsulfat sind die Zucker-Einheiten GlucuronsĂ€ure und N-Acetylgalactosamin. Chondroitinsulfat-Varianten regulieren die Vermehrung von Stammzellen und das Wachstum von Nervenzellen (Neurogenese) und sind an der Bildung des Gehirns beteiligt.cite-ref-46-120-2[118] Chondroitinsulfate sind auĂerdem Bestandteil des Proteoglycans Aggrecan, das eine Hauptstrukturkomponente von Knorpel ist.cite-ref-121[119] Die Hauptkomponenten von Knorpel neben Wasser sind Kollagen und Aggrecan. Durch die negative Ladung der Sulfat-Gruppen am Aggrecan nimmt der Knorpel Wasser auf und schwillt an, dieser Kraft entgegenwirken die Kollagenfasern. Dieses Zusammenspiel ist die Grundlage des charakteristischen elastischen Verhaltens von Knorpel.cite-ref-122[120] Chondroitinsulfate kommen in sehr unterschiedlichen Tieren vor, sowohl in SĂ€ugetieren (inklusive Menschen) als auch in Wirbellosen wie Tintenfischen.cite-ref-123[121] Beim Keratansulfat sind die Einheiten Galactose und N-Acetyllactosamin,cite-ref-124[S 3] es ist das einzige der Glycosaminoglycane, das statt einer UronsĂ€ure einen nicht oxidierten Zucker (Galactose) enthĂ€lt. Eine geringe Anzahl von Keratansulfat-Einheiten kommt neben Chondroitinsulfat im Aggrecan in Knorpel vor. Besonders viel kommen Keratansulfat-Proteoglycane in der Hornhaut vor, wo sie dazu dienen, das Auge feucht und damit die Hornhaut transparent zu halten.cite-ref-125[122] Beim Dermatansulfat sind die Zucker-Einheiten IduronsĂ€ure und N-Acetylgalactosamin.
Dermatansulfat kommt primĂ€r in der unteren Hautschicht (Dermis) vor, nach der es benannt ist. Es macht bis zu 0,3 % des Trockengewichts der Haut aus. Dermatansulfat ist dort an der Wundheilung beteiligt.cite-ref-47-126-0[123] Dermatansulfat entsteht aus Chondroitinsulfat: Durch eine Epimerisierungs-Reaktion Ă€ndert sich die Stereokonfiguration der GlucuronsĂ€ure, wodurch die IduronsĂ€ure-Einheiten entstehen.cite-ref-127[124] Beim Heparansulfat sind die Zucker-Einheiten GlucuronsĂ€ure oder IduronsĂ€ure und N-Acetylglucosamin.cite-ref-57-18-1[18] Funktionalisiertes Heparansulfat ist unter anderem wichtig fĂŒr die Regulierung der Blutgerinnung und die Angiogenese (Bildung von BlutgefĂ€Ăen).cite-ref-57-18-2[18]cite-ref-41-112-4[111] Heparin besteht aus denselben Zucker-Einheiten wie das Heparansulfat, allerdings in anderen MengenverhĂ€ltnissen, auĂerdem weist das Heparin mehr Sulfat-Gruppen auf.cite-ref-57-18-3[18] Es wirkt gerinnungshemmend und dient der körpereigenen Regulierung der Blutgerinnung. FĂŒr die Wirkung ist dabei eine spezifische Abfolge von fĂŒnf Zucker-Einheiten essenziell, die in der Kette mehrfach vorliegen kann.cite-ref-57-18-4[18]cite-ref-53-128-0[125] Die Anbindung an Glycosaminoglycane ist fĂŒr Pathogene teilweise ein wichtiger Mechanismus, um Zellen zu erkennen und anschlieĂend in diese einzudringen. FĂŒr den parasitischen Malaria-Erreger Plasmodium falciparum handelt es sich um Chondroitinsulfat, das einen geringen Sulfatierungsgrad aufweisen muss, beim Herpes-Simplex-Virus einen hohen.cite-ref-46-120-3[118] Das Dermatansulfat-Proteoglycan Decorin ist wichtig als Bindungspunkt fĂŒr den Borreliose-Erreger Borrelia burgdorferi.cite-ref-47-126-1[123] Dengue-Viren binden ĂŒber Heparansulfat an Zellen.cite-ref-129[126]
Schleim auf SchleimhĂ€uten enthĂ€lt als strukturgebende Komponente Mucine. Diese sind Glycoproteine, das heiĂt kohlenhydrat-modifizierte Proteine. Die Kohlenhydratkomponenten der Mucine bestehen ĂŒberwiegend aus Fucose, Galactose, N-Acetylgalactosamin und N-Acetylglucosamin sowie SialinsĂ€uren. ZusĂ€tzlich sind sie teilweise mit Sulfat-Gruppen modifiziert.cite-ref-48-130-0[127] Der Schleim erfĂŒllt auf den SchleimhĂ€uten mehrere Funktionen, darunter als Gleitmittel, zum Erhalt einer Feuchtigkeitsschicht und als Schutzschicht gegen Pathogene und andere schĂ€dliche EinflĂŒsse.cite-ref-131[128] Mit Wasser bilden die Mucine ein Gel, das fĂŒr die Konsistenz des Schleims verantwortlich ist. Durch die SialinsĂ€ure- und Sulfat-Gruppen sind die Mucine negativ geladen, wodurch sie Wasser und Kationen wie Calcium binden, die zusĂ€tzliche elektrostatische Wechselwirkungen zwischen MolekĂŒlen ermöglichen. Die negative Ladung ist demnach ein zentraler Faktor fĂŒr die FĂ€higkeit zur Gelbildung.cite-ref-48-130-1[127]
Glycolipide sind BiomolekĂŒle, bei denen ein Lipid, zum Beispiel ein Glycerinester, zusĂ€tzlich ein oder mehr Zucker-Einheiten trĂ€gt. Glycolipide mit Sulfat-Gruppen, beispielsweise Sphingolipide, kommen im Myelin, in der Leber und in Spermatozoen vor.cite-ref-40-111-8[110] In Myelin und Leber kommen die Sulfatide vor. Dabei handelt es sich um Ceramid-Lipide, die zusĂ€tzlich eine sulfatierte Galactose-Einheit tragen. In Spermatozoen kommen die Seminolipide vor, die eine Ă€hnliche Struktur mit einer sulfatierten Galactose-Einheit aufweisen. Im Gegensatz zu den Ceramid-Derivaten tragen sie an der Glycerin-Einheit jedoch keine Amid-Gruppe.cite-ref-132[129] Im Gehirn und Nervensystem kommen noch weitere strukturell verwandte Verbindungen vor. Sulfatide steuern die Bildung und den Erhalt von Nervenfasern. In Tierversuchen an MĂ€usen konnte gezeigt werden, dass sie fĂŒr die neurologische Entwicklung essenziell sind.cite-ref-133[130]
Sulfatierung von Peptiden und Proteinen
Die Sulfatierung von Tyrosin-Einheiten in Peptiden und Proteinen ist eine weitverbreitete post-translationale Modifikation mit wichtigen biologischen Funktionen.cite-ref-134[131] WĂ€hrend die Phosphorylierung vorwiegend Serin- und Threonin-Einheiten betrifft und kaum Tyrosin-Einheiten, betrifft die Sulfatierung hauptsĂ€chlich Tyrosin-Einheiten und ist bei diesen vergleichsweise hĂ€ufig.cite-ref-65-135-0[132] Katalysiert wird die Tyrosin-Sulfatierung durch eine membrangebundene Sulfotransferase. Tyrosin-Sulfatierung kommt sowohl in Wirbeltieren als auch in Wirbellosen wie Weichtieren und GliederfĂŒĂern vor, nicht aber in Mikroorganismen. Die Sulfat-Gruppen steuern die Wechselwirkungen mit anderen Peptiden und Proteinen.cite-ref-136[133] Essenziell ist die Modifikation von Tyrosin bei dem Peptidhormon Cholecystokinin, das die Verdauung reguliert und dessen Sulfatform eine 250-mal höhere Wirkung hat. Das Thyroglobulin, das der Biosynthese der SchilddrĂŒsenhormone in Wirbeltieren dient, weist neben diversen anderen post-translationalen Modifikationen Sulfat-Gruppen auf.cite-ref-40-111-9[110] Die Bindung von Fibronectin an Fibrin ist ein wichtiger Prozess in der Wundheilung, da sie bei der BeschĂ€digung von BlutgefĂ€Ăen Gerinnsel bildet. Diese verhindern einerseits den weiteren Blutverlust und stellen andererseits einen Ansatzpunkt fĂŒr die Reparatur des Gewebes dar.cite-ref-137[134] Fibronectin weist Tyrosin-Sulfatierungen auf und ihr Fehlen fĂŒhrt zu einer deutlich schlechteren Bindung an Fibrin.cite-ref-65-135-1[132]
Weitere tierische Naturstoffe
Sulfatierte Naturstoffe kommen ansonsten vorwiegend in Meerestieren vor. Seegurken der Familie Holothuriidae verfĂŒgen ĂŒber Giftstoffe, die als Holothurine bezeichnet werden. Diese sind auf der KörperoberflĂ€che und in den Cuvierschen SchlĂ€uchen vorhanden, die der Verteidigung dienen. ZusĂ€tzlich werden sie ins Wasser abgesondert und sind tödlich giftig fĂŒr Fische, wodurch die Seegurken gut gegen Fressfeinde geschĂŒtzt sind.cite-ref-138[135] Die Holothurine sind biologisch aktive Triterpenglycoside. Sie dienen einerseits zur Verteidigung gegen Fressfeinde, andererseits als Regulatoren, um die Reifung von Eizellen zu synchronisieren. Sie können Zellmembranen schĂ€digen, worauf ihre hĂ€molytische und fungizide Wirkung beruht.cite-ref-139[136] Das Holothurin A verursacht eine irreversible Blockade neuromuskulĂ€rer Synapsen. Die negative Ladung durch die Sulfat-Gruppe ist ein essenzielles Element fĂŒr die biologische AktivitĂ€t der Verbindung. Eine Studie an MĂ€usen zeigte fĂŒr ein desulfatiertes Analogon bei gleicher Konzentration eine zehnfach schwĂ€chere Wirkung, die zudem teilweise reversibel war.cite-ref-140[137] Holothurin A kommt in Actinopyga agassizii vor.cite-ref-141[138] Das verwandte Holothurin A2 kommt in Holothuria edulis vor.cite-ref-142[139] In Seegurken kommen daneben Alkylsulfate wie Octylsulfatcite-ref-143[S 4] und Decylsulfatcite-ref-144[S 5] vor.cite-ref-145[140] Auch in Seescheiden wurden Alkyl- und Alkenylsulfate nachgewiesen, zum Beispiel Isooctylsulfatcite-ref-146[S 6] in der roten Seescheide (Halocynthia papillosa).cite-ref-147[141] Seesterne bilden Steroidglycoside (Saponine), die als Asterosaponine bezeichnet werden und teilweise zusĂ€tzlich mit Sulfat-Gruppen modifiziert sind. Zu den Seesternen, in denen sulfatierte Saponine nachgewiesen wurden, gehören der Nordpazifische Seestern (Asterias amurensis), der Asterosaponin A bildet,cite-ref-148[142] und Aphelasterias japonica.cite-ref-149[143] Bei der Art Patiria pectinifera wurde nachgewiesen, dass Asterosaponine aus Cholesterol und Cholesterolsulfatcite-ref-150[S 7] biosynthetisiert werden.cite-ref-151[144] Ein Beispiel fĂŒr eine Sulfat-Verbindung aus einem landlebenden Tier ist das Zetekitoxincite-ref-152[S 8] aus dem Panama-StummelfuĂfrosch (Atelopus zeteki). Es handelt sich um ein Alkaloid, das eine Sulfat-Gruppe aufweist und zusammen mit Tetrodotoxin auftritt.cite-ref-153[145] Beide Verbindungen Ă€hneln sich strukturell und ihre Giftwirkung beruht auf der Hemmung spannungsabhĂ€ngiger NatriumkanĂ€le.cite-ref-154[146]
Vorkommen in Pflanzen
Glucosinolate
Glucosinolate sind pflanzliche SekundĂ€rmetaboliten, die sich von AminosĂ€uren ableiten und eine Sulfat-Gruppe tragen. Sie kommen in der Ordnung der Brassicales vor, insbesondere in der Familie der KreuzblĂŒtler (Brassicaceae). Glucosinolate sind eine bedeutende Stoffgruppe, die einerseits der Verteidigung (zum Beispiel gegen Insekten) dient, andererseits aber auch fĂŒr den charakteristischen Geschmack vieler Speisepflanzen aus der Familie verantwortlich ist.cite-ref-7-155-0[147]cite-ref-13-156-0[148] Zu diesen Speisepflanzen gehören viele KreuzblĂŒtler wie WeiĂ- und Rotkohl, Brokkoli, GrĂŒnkohl, Blumenkohl, Rosenkohl, Pak Choi, Raps sowie Gartenkresse und Brunnenkresse, aber auch Senf und Meerrettich, fĂŒr deren SchĂ€rfe die aus den Glucosinolaten entstehenden Isothiocyanate verantwortlich sind. Zu den Speisepflanzen aus anderen Familien der Ordnung Brassicales, die ebenfalls Glucosinolate enthalten, gehören Kapern und Papaya.cite-ref-13-156-1[148]cite-ref-10-157-0[149] In den Brassicales machen die Glucosinolate zum Teil einen Anteil am Trockengewicht der Pflanzen um 1 % aus.cite-ref-13-156-2[148] Stand 2018 waren knapp 90 Glucosinolate bekannt, die vollstĂ€ndig und eindeutig charakterisiert waren.cite-ref-55-16-1[16] In der Gartenkresse kommen Glucotropaeolin (mit einer Benzyl-Seitenkette) und Gluconasturtiin (mit einer Phenylethyl-Seitenkette) vor.cite-ref-158[150]
Die variable Seitenkette wird in der Biosynthese als Erstes aufgebaut und jeweils durch eine AminosĂ€ure bestimmt, die Ausgangspunkt der Biosynthese ist. Zu diesen Ausgangs-Verbindungen gehören Alanin, Leucin, Isoleucin, Valin, Phenylalanin, Tyrosin und besonders hĂ€ufig Methionin oder Tryptophan.cite-ref-7-155-1[147]cite-ref-10-157-1[149] Direkter VorlĂ€ufer ist aber oft eine kettenverlĂ€ngerte AminosĂ€ure, beispielsweise Homomethionincite-ref-159[S 9] oder Homophenylalanin.cite-ref-160[S 10] Der Strukturteil, der allen Glucosinolaten gemeinsam ist, besteht aus einem Thiohydroxyiminoester, der am S-Atom zusĂ€tzlich eine Glucose-Einheit trĂ€gt und am O-Atom eine Sulfat-Einheit.cite-ref-9-161-0[151] Dieser gleichbleibende Teil wird in der Biosynthese nach dem VorlĂ€ufer der Seitenkette aufgebaut. Intermediate sind dabei ein Oxim und eine ThiohydroxyiminosĂ€ure. Das Schwefelatom wird durch die AminosĂ€ure Cystein zur VerfĂŒgung gestellt. Die letzten beiden Schritte der Biosynthese sind die Glycosylierung (EinfĂŒhrung der Glucose-Einheit) und die Sulfatierung (EinfĂŒhrung der Sulfat-Einheit).cite-ref-10-157-2[149]
In den Brassicaceae liegt ein nennenswerter Teil des vorhandenen Schwefels in Form von Glucosinolaten vor. Der Gehalt an Schwefel ist in dieser Pflanzenfamilie höher als in anderen Pflanzen und sie benötigen fĂŒr ein gesundes Wachstum eine erhöhte Zufuhr im Vergleich zu anderen Pflanzen. Die Menge an biosynthetisierten Glucosinolaten hĂ€ngt auch mit der verfĂŒgbaren Konzentration an Schwefel im Boden zusammen. Zum Teil kommen im Wurzelbereich von KreuzblĂŒtlern symbiotische Mikroorganismen vor, die elementaren Schwefel oxidieren und als Sulfat verfĂŒgbar machen können.cite-ref-162[152]
Die Glucosinolate selbst sind biologisch kaum aktiv.cite-ref-8-163-0[153] Wird die Pflanze jedoch beschĂ€digt, kommen die Glucosinolate in Kontakt mit dem separat vorliegenden Enzym Myrosinase, das den Abbau der Verbindungen katalysiert, wobei die eigentlich wirksamen Stoffe, vorwiegend Nitrile und Isothiocyanate, freigesetzt werden.cite-ref-7-155-2[147]cite-ref-8-163-1[153] Der Abbau beginnt durch die Deglycosylierung, das heiĂt die Entfernung der Glucose-Einheit, durch die Myrosinase. Dadurch wird das jeweilige MolekĂŒl instabil und zerfĂ€llt durch intramolekulare Eliminierung von Sulfat, wobei ein Isothiocyanat entsteht.cite-ref-9-161-1[151]cite-ref-8-163-2[153] Die Sulfat-Gruppe ist als Strukturelement notwendig, damit die Glucosinolate durch eine Myrosinase abgebaut werden können, Glucosinolat-Derivate ohne Sulfat-Gruppe werden durch das Enzym nicht erkannt.cite-ref-8-163-3[153] In bestimmten FĂ€llen werden statt Isothiocyanaten entweder Nitrile oder Thiocyanate freigesetzt.cite-ref-9-161-2[151]
Glucosinolate dienen der Verteidigung. Ihre Abbauprodukte (insbesondere Isothiocyanate) wirken abschreckend, wachstumshemmend oder sogar giftig auf Fressfeinde und Pathogene der Pflanzen, inklusive SĂ€ugetiere, Vögel, Insekten, Mollusken, Bakterien und Pilze.cite-ref-10-157-3[149]cite-ref-9-161-3[151] FĂŒr bestimmte Insekten, die auf glucosinolat-haltige Pflanzen als Nahrungsquelle oder fĂŒr die Eiablage spezialisiert sind, dienen Glucosinolate und ihre Abbauprodukte als Kairomone (chemische Erkennungsmerkmale), um Wirtspflanzen zu finden. Einige Insekten können sogar Glucosinolate sequestrieren, das heiĂt aufnehmen und einlagern. Diese dienen ihnen dann als Abwehr gegen Vögel und Eidechsen. Beispiele sind die Harlekin-Wanze (Murgantia histrionica) und die Kohlblattlaus (Brevicoryne brassicae). Letztere verfĂŒgt ĂŒber eine eigene Myrosinase zur Aktivierung von Glucosinolaten.cite-ref-10-157-4[149] Auch gibt es Pilze und Insekten, die durch entsprechende Anpassungen die Verteidigung umgehen können.cite-ref-9-161-4[151] Die Kohlmotte ist auf KreuzblĂŒtler als Nahrungspflanzen spezialisiert und verfĂŒgt ĂŒber einen Mechanismus zur Inaktivierung der Glucosinolat-Verteidigung dieser Pflanzen durch Entfernung der Sulfat-Gruppen mittels der Glucosinolat-Sulfatase, was eine Freisetzung von Giftstoffen durch die Myrosinase verhindert.cite-ref-8-163-4[153]
Flavonoidsulfate
Sulfate von Flavonoiden sind bei bedecktsamigen Pflanzen weitverbreitet und kommen in mindestens 250 Arten aus 32 Familien vor, unter anderem in den Familien der KorbblĂŒtler (Asteraceae), der SĂŒĂgrĂ€ser (Gramineae) und der PalmengewĂ€chse (Palmae).cite-ref-37-164-0[154] Als erstes Flavonoidsulfat wurde 1937 das Persicarin (Isorhamnetinsulfat) aus Wasserpfeffer (Polygonum hydropiper) isoliert.cite-ref-56-17-1[17] Schon 1988 waren ĂŒber 100 Vertreter der Gruppe bekannt, darunter besonders viele, die sich von dem Flavonol Quercetin oder den Flavonen Apigenin und Luteolin ableiten. Die Verbindungen liegen natĂŒrlicherweise als Kalium-, Natrium- oder Calciumsalz vor.cite-ref-37-164-1[154] Flaveria bidentis (Tageteae) enthĂ€lt viele Flavonoid-Sulfate, darunter Derivate von Quercetin und Isorhamnetin mit einer bis vier Sulfat-Gruppen.cite-ref-165[155] Die Biosynthese von Flavonoidsulfaten in Flaveria chloraefolia wurde detailliert untersucht. Die Art enthĂ€lt Sulfotransferasen, die Flavonole an spezifischen Positionen sulfatieren können. So werden sie zunĂ€chst durch eine Sulfotransferase in Position 3 sulfatiert. Aus Quercetin wird so Quercetin-3-O-sulfat. Flavonol-3-sulfate werden durch andere Enzyme in weiteren spezifischen Positionen sulfatiert zu Flavonol-3,3â- und Flavonol-3,4â-sulfaten.cite-ref-166[156] Einige sulfatierte Flavonoide sind gleichzeitig auch Glycoside. Die Theograndine sind zwei Glucoside, die in Cupuaçu (Theobrona grandiflorum) vorkommen. Sie leiten sich von Isoscutellarincite-ref-167[S 11] und Hypolaetincite-ref-168[S 12] ab und unterscheiden sich demnach nur in einer Hydroxy-Gruppe. Beide tragen eine Sulfat-Gruppe an der Glucose-Einheit.cite-ref-169[157]
Weitere Vorkommen in Pflanzen
In den KorbblĂŒtlern, insbesondere in der Unterfamilie Cichorioideae, kommen sulfatierte Sesquiterpenlactone vor. Dazu gehören die Sulfoscorzonine in Scorzonera divaricata (Gattung Schwarzwurzeln)cite-ref-170[158] sowie Derivate des Lactucins im Milchsaft des Gartensalats, etwa das 15-Desoxylactucin-8-sulfat.cite-ref-171[159] Das Atractylosid ist ein pflanzliches Gift, das fĂŒr grasende Weidetiere gefĂ€hrlich ist. Es handelt sich um ein Terpenoid-Glycosid, das an der Glucose-Einheit zusĂ€tzlich sulfatiert ist. Die Giftwirkung beruht auf der Störung des Citratzyklus. Zuerst isoliert wurde es 1873 aus dem Gummi-Spindelkraut (Atractylis gummifera). SpĂ€ter wurde die Verbindung auch in anderen Pflanzen auf unterschiedlichen Kontinenten nachgewiesen. Dazu gehören Atractylis carduus (aus der gleichen Gattung) sowie Arten der Gattung Wedelia, die gewöhnliche Spitzklette und Kaffeebohnen.cite-ref-54-14-1[14] Sulfate von 1-O-Coumaroylglucosecite-ref-172[S 13] und 1-O-Caffeoylglucosecite-ref-173[S 14] kommen ebenfalls in mehreren Pflanzenarten vor, unter anderem im Adlerfarn. Sulfate des 1-Caffeoylglucosids wurden auĂerdem im gewöhnlichen Frauenhaarfarn und im Milzfarn nachgewiesen.cite-ref-174[160] In Koriander kommen Monoterpen-Derivate mit jeweils drei Alkohol-Gruppen vor. Ein GroĂteil dieser Verbindungen liegt glykosidisch vor und trĂ€gt an einer Alkohol-Gruppe eine Glucose-Einheit. Teilweise ist die Glucose-Einheit zusĂ€tzlich mit einer Sulfat-Einheit modifiziert.cite-ref-175[161] Die Carrageene sind eine Gruppe von Polysacchariden, die in groĂer Menge in Rotalgen vorkommen, zum Beispiel im Knorpeltang (Chondrus crispus). Die Struktur ist linear, besteht ĂŒberwiegend aus Galactose-Einheiten und ist mit einer variablen Anzahl an Sulfat-Gruppen modifiziert.cite-ref-176[162]
Vorkommen in Mikroorganismen
Mikroorganismen bilden sulfatierte Naturstoffe. Auch sogenannte Muschelgifte, die in MeeresfrĂŒchten vorkommen, werden durch Mikroorganismen synthetisiert. Zu dieser Gruppe gehören die Gonyautoxine, eine Gruppe von giftigen sulfatierten Naturstoffen aus marinen Dinoflagellaten. Ihre Giftwirkung basiert auf einer Hemmung spannungsabhĂ€ngiger NatriumkanĂ€le.cite-ref-177[163] Das Yessotoxin gehört ebenso zu dieser Gruppe und wurde als Verunreinigung in GrĂŒnlippmuscheln nachgewiesen. Die Verbindung weist zwei Sulfat-Gruppen auf und wird unter anderem von den Dinoflagellaten Protoceratium reticulatum und Gonyaulax spinifera (Gattung Gonyaulax) produziert.cite-ref-178[164]cite-ref-179[165] Das Maitotoxin ist ein hochgiftiger Naturstoff aus dem Dinoflagellaten Gambierdiscus toxicus. Es hat eine Molmasse von ĂŒber 3400 g/mol, enthĂ€lt 164 Kohlenstoffatome sowie zwei Sulfat-Gruppen und gehört zu den gröĂten und giftigsten Naturstoffen, die keine Polymere (zum Beispiel Proteine) sind.cite-ref-180[166]cite-ref-181[167] Cylindrospermopsincite-ref-182[S 15] ist ein sulfatiertes leberschĂ€digendes Toxin, das von Cyanobakterien produziert wird. Es war verantwortlich fĂŒr eine Reihe von VergiftungsfĂ€llen 1979 in Australien.cite-ref-183[168] Die Biosynthese des natĂŒrlichen Antibiotikums Ficellomycin aus Streptomyces ficellus verlĂ€uft ĂŒber ein Sulfat. Dabei wird eine Hydroxymethyl-Gruppe an einem Pyrrolidin-Ring durch eine Sulfotransferase mittels Phosphoadenosinphosphosulfat in ein Sulfat umgewandelt. Durch einen intramolekularen nucleophilen Angriff des Stickstoffatoms des Pyrrolidins wird das Sulfat abgespalten und ein Aziridin-Ring gebildet.cite-ref-184[169]
Bestimmte Arten von Bakterien und Archaeen können Schwefel-Verbindungen wie Schwefelwasserstoff oder Thiosulfat zur Energiegewinnung verwerten, wobei der enthaltene Schwefel meist zu Sulfat oxidiert wird.cite-ref-185[170] Bei phototrophen Bakterien, die Energie aus dem Sonnenlicht ziehen, dient unter anderem Schwefelwasserstoff als Reduktionsmittel zur Gewinnung organischer Verbindungen aus Kohlenstoffdioxid. Der Schwefelwasserstoff wird dabei zunÀchst zu elementarem Schwefel und dann weiter zu Sulfat oxidiert. Zu diesen Bakterien gehören die Familien Chromatiaceae und Rhodospirillaceae.cite-ref-186[171] Bestimmte Bakterien können auch sulfidische Minerale wie Pyrit oxidieren, wodurch sie Sulfat bilden und zur Verwitterung der Minerale beitragen.cite-ref-187[172]
Andererseits ist die Nutzung von Sulfat als Elektronenakzeptor, die sogenannte Sulfatatmung, ein Stoffwechselweg bei anaeroben Prokaryoten, sowohl Bakterien als auch Archaeen. Die Sulfatatmung ist vermutlich ein evolutionĂ€r alter Mechanismus und ist weitverbreitet, wobei die Gene fĂŒr die Enzyme der Sulfatatmung eine groĂe Ăhnlichkeit aufweisen, selbst bei genetisch weit voneinander entfernten Organismen. Sulfatatmende Mikroorganismen kommen in unterirdischen, sauerstofffreien, Wasser fĂŒhrenden Gesteinsschichten vor.cite-ref-188[173] Ein groĂer Lebensraum solcher Bakterien ist das Schwarze Meer, dessen Sedimente und untere Wasserschichten frei von Sauerstoff sind und groĂe Mengen an Schwefel-Verbindungen enthalten. Viele der dort lebenden Bakterien gehören zur Familie Desulfobaceraceae. Die Umsetzung organischer Verbindungen verlĂ€uft praktisch ausschlieĂlich ĂŒber Sulfatatmung und Methanogenese.cite-ref-189[174] Im GroĂen Salzsee in Utah in den USA wurden in anoxischen (sauerstofffreien) Bereichen ebenfalls Bakterien nachgewiesen, die Sulfat reduzieren, zum Beispiel aus der Gattung Desulfohalobium.cite-ref-190[175] Diese Bakterien verwenden Sulfat und Thiosulfat als Elektronenakzeptor zur Energiegewinnung.cite-ref-191[176] Sulfat-reduzierende Mikroorganismen setzen bevorzugt leichtere Schwefelisotope um (Isotopeneffekt), vor allem 32S-Sulfat gegenĂŒber 34S-Sulfat, sodass die Isotopenzusammensetzung von Schwefel-Verbindungen zum Teil Aufschluss ĂŒber die Entstehung geben kann.cite-ref-192[177] Sulfat-reduzierende Bakterien kommen auĂerdem in der menschlichen Darmflora vor. Die Mehrheit der sulfat-reduzierenden Darmbakterien gehören zur Gattung Desulfovibrio.cite-ref-193[178]
Abbau und Herstellung
Viele Metallsalze der SchwefelsĂ€ure wie Gips und Baryt kommen natĂŒrlich vor und werden bergmĂ€nnisch gewonnen. Daneben können sie auch durch Reaktion mit SchwefelsĂ€ure aus elementaren Metallen oder aus Metallsalzen wie Carbonaten hergestellt werden. FĂŒr die Herstellung von SchwefelsĂ€ure-Estern ist eine gröĂere Zahl an Synthesemethoden bekannt. Zu den wichtigsten Reagenzien in diesem Bereich gehören das Schwefeltrioxid (Anhydrid der SchwefelsĂ€ure) und seine Komplexe. Daneben kommen SchwefelsĂ€ure und ihre Derivate zum Einsatz.
Gewinnung und Herstellung von SchwefelsÀure-Salzen
Wenige Sulfatminerale werden in groĂen Mengen in natĂŒrlichen Vorkommen abgebaut. Dazu gehören vor allem Calciumsulfat in der Form von Anhydrit und Gipscite-ref-3-194-0[179] sowie Baryt (Bariumsulfat).cite-ref-11-195-0[180] Magnesiumsulfat wird meist aus Mischsalzen gewonnen, die als Erze vorkommen, darunter Kieserit, Kainit und Langbeinit.cite-ref-196[181]
Metallsulfate können durch Umsetzung der elementaren Metalle mit SchwefelsÀure gewonnen werden oder durch Umsetzung geeigneter Salze mit SchwefelsÀure, insbesondere Oxide und Carbonate. So wird Chrom(III)-sulfat durch Erhitzen von Chromit oder metallischem Chrom mit SchwefelsÀure gewonnen:cite-ref-197[182]
2 C r + 3 H 2 S O 4 â C r 2 ( S O 4 ) 3 + 3 H 2 {\displaystyle \mathrm {2~Cr+3~H_{2}SO_{4}\xrightarrow {\ } Cr_{2}(SO_{4})_{3}+3~H_{2}} }
Kupfersulfat wird primÀr durch Umsetzung von Kupfer(II)-oxid mit SchwefelsÀure gewonnen:cite-ref-198[183]
C u O + H 2 S O 4 â C u S O 4 + H 2 O {\displaystyle \mathrm {CuO+H_{2}SO_{4}\xrightarrow {\ } CuSO_{4}+H_{2}O} }
Eisen(II)-sulfat kann durch Auflösen von Eisen in SchwefelsĂ€ure gewonnen werden.cite-ref-199[184] Lithiumsulfat wird so aus Lithiumcarbonat gewonnen,cite-ref-200[185] Mangansulfat aus Mangancarbonat oder Mangan(II)-oxid,cite-ref-15-201-0[186] Nickelsulfat aus elementarem Nickel oder Nickel(II)-oxid.cite-ref-16-202-0[187] Kaliumsulfat kann durch Umsetzung von Kaliumchlorid mit SchwefelsĂ€ure gewonnen werden. FĂŒr einen rentablen Prozess muss der gleichzeitig anfallende Chlorwasserstoff sinnvoll eingesetzt werden. Ein alternatives Verfahren ist die Umsetzung von Kaliumchlorid mit Magnesiumsulfat, die unter geeigneten Bedingungen â Temperatur und MischungsverhĂ€ltnisse â ebenfalls Kaliumsulfat ergibt.cite-ref-17-203-0[188] Kaliumalaun und Ammoniumalaun werden durch Umsetzung von Aluminiumhydroxid mit SchwefelsĂ€ure und Kaliumsulfat oder Ammoniumsulfat hergestellt.cite-ref-2-9-2[9]
Gips entsteht als Nebenprodukt bei der Herstellung von Titandioxid und in anderen Prozessen.cite-ref-204[189] Viele SĂ€uren werden durch Umsetzung ihrer Calciumsalze mit SchwefelsĂ€ure hergestellt, wobei Calciumsulfat in Form von Gips als Nebenprodukt entsteht.cite-ref-3-194-1[179] Ein GroĂteil der weltweit genutzten PhosphorsĂ€ure wird hergestellt, indem Fluorapatit mit SchwefelsĂ€ure umgesetzt wird.cite-ref-205[190] Analog entsteht Calciumsulfat durch die Herstellung von Fluorwasserstoff aus Fluorit (Calciumfluorid) und die Herstellung von ZitronensĂ€ure, WeinsĂ€ure und OxalsĂ€ure.cite-ref-3-194-2[179] Da Kupfererze oft Anteile von Nickel enthalten, fĂ€llt Nickelsulfat zum Teil als Nebenprodukt bei der Kupfergewinnung an.cite-ref-16-202-1[187]
Herstellung von SchwefelsÀure-Estern
FĂŒr die Herstellung von SchwefelsĂ€ure-Estern sind mehrere Verfahren bekannt. Die direkte Veresterung von Alkoholen mit SchwefelsĂ€ure ist von geringer Bedeutung. Weitverbreitet sind Umsetzungen mit Schwefeltrioxid, entweder direkt oder in Form von Komplexen mit organischen Verbindungen. Die Handhabung dieser Komplexe ist einfacher und ihre ReaktivitĂ€t kann je nach Bedarf eingestellt werden. Die Sulfat-Gruppe ist vergleichbar mit der tert-Butyl-Gruppe, was den Raumbedarf anbelangt. Dadurch haben die sterischen VerhĂ€ltnisse im MolekĂŒl einen erheblichen Einfluss darauf, wie leicht sich eine Sulfat-Gruppe einfĂŒhren lĂ€sst.cite-ref-26-21-1[21]
Umsetzung mit SchwefelsÀure
Die direkte Veresterung von Alkoholen mit SchwefelsĂ€ure ist möglich, ergibt aber je nach Edukt oft schlechte Ausbeuten. Einige Edukte, darunter Cellulose, lassen sich dagegen gut mit SchwefelsĂ€ure verestern.cite-ref-28-206-0[191] SchwefelsĂ€ure kann durch Dicyclohexylcarbodiimid (DCC) aktiviert werden, wodurch bei der Veresterung von Alkylalkoholen sowie von Phenolen und Oximen gute Ausbeuten erreicht werden können. Nachteilig ist hierbei, dass oft ein groĂer Ăberschuss an DCC eingesetzt werden muss, sodass anschlieĂend auch eine groĂe Menge des Nebenprodukts Dicyclohexylharnstoff abgetrennt werden muss. Die Veresterung mit Aktivierung durch DCC wurde zum Beispiel fĂŒr die Sulfatierung von Kohlenhydraten eingesetzt.cite-ref-28-206-1[191] SĂ€ureempfindliche Edukte können nicht direkt mit SchwefelsĂ€ure verestert werden.cite-ref-207[192]
Das Reaktionsverhalten bei der Veresterung mit SchwefelsĂ€ure/DCC in Dimethylformamid als Lösungsmittel hĂ€ngt von der Konzentration der Lösung ab. Wird in vergleichsweise verdĂŒnnter Lösung gearbeitet, werden nur aliphatische Hydroxy-Gruppen verestert. In konzentrierter Lösung reagieren auch Phenole. Dies ermöglicht zum Teil die selektive Sulfatierung einer von mehreren OH-Gruppen, wie beim Estradiol.cite-ref-208[193] Ist die Erzielung einer solchen SelektivitĂ€t nicht nötig, ist die Reaktion in konzentrierterer Lösung vorteilhaft. Bei 1-Octanol, 1-Tetradecanol und Cyclohexanol werden so bessere Ausbeuten erzielt. Phenol wird in verdĂŒnnter Lösung sogar kaum bis gar nicht umgesetzt.cite-ref-209[194]
SchwefelsĂ€ure kann an die Doppelbindungen von Alkenen addiert werden, wodurch Monoalkyl- und Dialkylsulfate entstehen.cite-ref-210[195] So ist die Addition von SchwefelsĂ€ure an zwei MolekĂŒle Ethylen eine Methode, um Diethylsulfat herzustellen.cite-ref-211[196] Bei der Reaktion von Butenen mit Isobutan zur Herstellung von Alkylatkraftstoff kann als Katalysator SchwefelsĂ€ure verwendet werden. In diesem Fall wird in einem Zwischenschritt der Reaktion die SchwefelsĂ€ure an die Butene addiert.cite-ref-212[197]
Umsetzung mit SchwefelsÀure-Derivaten
Tetrabutylammoniumhydrogensulfat, AmidosulfonsÀure, Sulfurylchlorid und ChlorsulfonsÀure sind Derivate der SchwefelsÀure, die sich zur Herstellung von SchwefelsÀure-Estern eignen.
Analog zur Veresterung mit SchwefelsĂ€ure ist die Veresterung mit Tetrabutylammoniumhydrogensulfat und Dicyclohexylcarbodiimid möglich. Diese Methode wurde zur Herstellung von Flavonoidsulfaten wie aus Apigenin, Luteolin, Quercetin, Rhamnetin und Isorhamnetin eingesetzt.cite-ref-213[198]cite-ref-214[199]cite-ref-42-215-0[200] Die Umsetzung primĂ€rer Alkohole mit AmidosulfonsĂ€ure ergibt SchwefelsĂ€ure-Monoester als Ammoniumsalz.cite-ref-216[201] AmidosulfonsĂ€ure ist vergleichsweise teuer und wenig reaktiv, wurde aber fĂŒr die Veresterung primĂ€rer gesĂ€ttigter Alkohole sowie von Kohlenhydraten eingesetzt, wobei oft Katalysatoren wie Harnstoff eingesetzt werden.cite-ref-28-206-2[191] AmidosulfonsĂ€ure eignet sich zur Sulfatierung von Galactomannanen in Dioxan in Gegenwart von Harnstoff.cite-ref-217[202] Mit Pyridin als Katalysator wurde AmidosulfonsĂ€ure zur Sulfatierung von Flavonoiden eingesetzt, darunter Apigenin, Luteolin, Kaempferol und Quercetin. So kann Quercetin zu Quercetin-3'-O-sulfat umgesetzt werden.cite-ref-42-215-1[200]
Sulfate können durch Umsetzung von Sulfurylchlorid mit entsprechenden Alkoholen oder Phenolen hergestellt werden. Die Reaktion von Brenzcatechin mit Sulfurylchlorid in Gegenwart von Pyridin ergibt ein cyclisches Sulfat. Ebenso können aus Propanol Dipropylsulfat und aus Butanol Dibutylsulfat hergestellt werden.cite-ref-218[203] Die direkte Umsetzung von Diolen mit Sulfurylchlorid zur Synthese cyclischer Sulfate ergibt nur mĂ€Ăige Ausbeuten, selbst bei sehr niedrigen Temperaturen um â90 °C.cite-ref-49-219-0[204]
Die Umsetzung von ChlorsulfonsĂ€ure mit Alkoholen ergibt Monoester der SchwefelsĂ€ure. Werden diese ĂŒber Natriumsulfat destilliert, entstehen Dialkylsulfate. Dieses Verfahren ist eine Möglichkeit zur Herstellung von Diethylsulfat.cite-ref-43-220-0[205] ChlorsulfonsĂ€ure wurde auĂerdem zur Sulfatierung von Isoflavonoiden wie Daidzein und Genistein verwendet.cite-ref-42-215-2[200]
Eine Methode aus dem Jahr 2023 basiert auf einer Kombination aus Tetrabutylammoniumhydrogensulfat und entweder Dimethylsulfat oder Diisopropylsulfat. Diese Dialkylsulfate, die meistens zur Ăbertragung von Alkyl-Gruppen dienen, können unter geeigneten Bedingungen auch eine Umesterung eingehen. Dabei wird ihre Sulfat-Gruppe auf einen Alkohol, ein Phenol oder ein Kohlenhydrat ĂŒbertragen. Die beiden Sulfate weisen unterschiedlich groĂe Substituenten auf, wodurch sich in Verbindungen mit mehr als einer Hydroxy-Gruppe je nach eingesetztem Sulfat eine selektive Reaktion erzielen lĂ€sst.cite-ref-221[206]
Umsetzung mit Schwefeltrioxid und seinen Komplexen
Dimethylsulfat kann aus Dimethylether und Schwefeltrioxid (SO3) hergestellt werden; die Reaktion ergibt Dimethylsulfat in guter Ausbeute und Reinheit.cite-ref-26-21-2[21]cite-ref-43-220-1[205] Analoge Reaktionen fĂŒr SchwefelsĂ€ure-Ester mit lĂ€ngeren Alkylketten funktionieren oft schlecht, da solche Alkyl-Gruppen bei der Reaktion oxidiert werden.cite-ref-43-220-2[205]
Ein verbreitetes Verfahren zur Veresterung von Alkoholen zu Sulfaten ist deren Umsetzung mit Schwefeltrioxid, oft in Form eines Komplexes, beispielsweise mit Dioxan. Einige Alkohole können durch direkte Reaktion mit Schwefeltrioxid verestert werden. Die Reaktion von Methanol mit gasförmigem Schwefeltrioxid oder mit Schwefeltrioxid in Tetrachlormethan ergibt das Monomethylsulfat.cite-ref-0-222-0[S 16] Destillation von Monomethylsulfat ergibt Dimethylsulfat. Diese Methode wurde historisch fĂŒr die kommerzielle Gewinnung von Dimethylsulfat eingesetzt. Fettalkohole wie 1-Dodecanol oder 1-Tetradecanol können analog durch Schwefeltrioxid, entweder gasförmig oder gelöst in Schwefeldioxid, sulfatiert werden. Reines Schwefeltrioxid ist allerdings hochreaktiv und schwierig in der Handhabung, da es leicht polymerisiert, was oft zu schlecht reproduzierbaren Resultaten fĂŒhrt. Als Lewis-SĂ€ure kann Schwefeltrioxid mit einer Lewis-Base einen Elektronen-Donor-Akzeptor-Komplex bilden. Die Koordinierung an das Schwefeltrioxid erfolgt dabei ĂŒber ein freies Elektronenpaar der Base. Der Einsatz als Komplex ermöglicht eine einfachere Handhabung und eine Einstellung der ReaktivitĂ€t.cite-ref-26-21-3[21] Schwefeltrioxid bildet so vergleichsweise stabile Komplexe, die als Feststoffe vorliegen, u. a. mit Pyridin, Trimethylamin, Triethylamin und Dimethylformamid.cite-ref-28-206-3[191]
Vergleichsweise starke Basen wie Trimethylamin oder Triethylamin fĂŒhren zu einer geringeren ReaktivitĂ€t, schwĂ€chere Basen wie Pyridin zu einer höheren ReaktivitĂ€t, obwohl diese immer noch deutlich geringer ist als bei freiem Schwefeltrioxid. Schwefeltrioxid-Pyridin ist eine stabile Verbindung, die kommerziell erhĂ€ltlich ist, und eignet sich zur Sulfatierung von Alkoholen, inklusive Sterolen und Kohlenhydraten. Eine Isolierung ist aber nicht immer nötig. Ein Reagenz fĂŒr die Herstellung von Sulfaten kann ebenso zubereitet werden, indem ChlorsulfonsĂ€ure in einen Ăberschuss an Pyridin gegeben wird. Schwefeltrioxid-Dioxan ist ein deutlich reaktiveres Mittel zur Herstellung von Sulfaten als der Pyridin-Komplex und ist deutlich weniger stabil, sodass es vor der Verwendung frisch zubereitet wird. Schwefeltrioxid-Trimethylamin und Schwefeltrioxid-Triethylamin weisen Ă€hnliche Eigenschaften auf: Sie sind sehr milde Sulfatierungsmittel und können â im Gegensatz zum Pyridin-Komplex â in wĂ€ssriger Lösung eingesetzt werden. Der Triethylamin-Komplex ist dabei etwas reaktiver. Auch andere Basen wurden schon in SO3-Komplexen eingesetzt, darunter Dimethylanilin und Dimethylformamid.cite-ref-26-21-4[21] Bei der Reaktion mit einem Schwefeltrioxid-Amin-Komplex wird das Produkt als Ammoniumsalz erhalten, wobei die Stickstoffbase aus dem Komplex das Kation liefert. Eine Frage bei der Auswahl eines Komplexes ist demnach, wie stabil das Produktsalz mit dem entsprechenden Kation ist und wie gut es sich aufreinigen lĂ€sst.cite-ref-28-206-4[191]
Schwefeltrioxid-Dioxan eignet sich zur Sulfatierung vieler Alkohole, wobei die Reaktion oft quantitativ (vollstĂ€ndig) ist. Zu den Alkoholen, die derart umgesetzt werden können, gehören primĂ€re Alkohole wie Ethanol, 1-Butanol und Benzylalkohol, sekundĂ€re wie Cyclohexanol und Borneol, tertiĂ€re wie tert-Butanol und Kohlenhydrate wie Glucose und Galactose. Sterole wie Cholesterol und Ergosterol lassen sich gut mittels Schwefeltrioxid-Pyridin sulfatieren.cite-ref-26-21-5[21] Die Komplexe mit Trimethylamin und Triethylamin eignen sich fĂŒr die Sulfatierung aliphatischer Alkohole inklusive Sterolen und Kohlenhydraten.cite-ref-28-206-5[191] Eine groĂe Zahl an Sterolen wurde erfolgreich mit Schwefeltrioxid-Triethylamin in die entsprechenden Sulfate umgewandelt.cite-ref-223[207] Letzteres wurde auch fĂŒr die Herstellung von Quercetin-Sulfaten verwendet, wobei aber ein Gemisch mehrerer Verbindungen erhalten wurde.cite-ref-224[208] Quercetin-3â-O-sulfat wurde gezielt durch Einsatz von Schwefeltrioxid-Dimethylformamid synthetisiert, nachdem bestimmte Hydroxy-Gruppen als Benzylether geschĂŒtzt waren.cite-ref-66-117-1[115] Schwefeltrioxid-Dimethylformamid eignet sich daneben zur Sulfatierung von Tyrosin-Einheiten in Peptidencite-ref-225[209] oder zur Herstellung von Sulfaten aus AminosĂ€uren mit Hydroxy-Gruppen wie Serin und Threonin vor der Synthese von Peptiden daraus.cite-ref-226[210] Die vollstĂ€ndige Sulfatierung kleiner MolekĂŒle mit einer gröĂeren Zahl an Hydroxy-Gruppen ist schwierig wegen des geringen Abstands der negativen Sulfat-Gruppen. Solche Reaktionen sind jedoch möglich durch Verwendung von Schwefeltrioxid-Pyridin oder Schwefeltrioxid-Trimethylamin unter Einwirkung von Mikrowellen.cite-ref-227[211]
Oxidationsreaktionen
Durch Reaktion eines Alkohols oder Phenols mit Ethylchlorsulfitcite-ref-228[S 17] wird ein gemischtes Sulfit gebildet. Dieses kann mit Ruthenium(III)-chlorid und Natriumperiodat zum Sulfat oxidiert werden und die Ethyl-Gruppe mit Natriumiodid abgespalten werden.cite-ref-28-206-6[191] Die Synthese ĂŒber Sulfite wird vorwiegend bei cyclischen Sulfaten eingesetzt, bei denen andere Methoden schlechte Ergebnisse liefern. Diese können hergestellt werden, indem zunĂ€chst ein cyclisches Sulfit gewonnen und dieses mit Rutheniumchlorid/Natriumperiodat oder mit Ruthenium(VIII)-oxid oxidiert wird. FĂŒr die Herstellung cyclischer Sulfite gibt es wiederum mehrere Methoden. Eine ist die Umsetzung eines Epoxids mit Schwefeldioxid und anschlieĂendes Erhitzen. Mit anderen Methoden können gröĂere Ringe erzeugt werden. Mit Diethylaminoschwefeltrifluorid können sowohl 1,2-Diole als auch 1,3-Diole zu cyclischen Sulfiten umgesetzt werden. Bei der Umsetzung eines Diols mit Thionylchlorid oder einem Dialkylsulfit können zusĂ€tzlich 1,4-Diole umgesetzt werden.cite-ref-49-219-1[204] Bei der Elbs-Persulfat-Oxidation wird ein aromatisches Edukt oxidiert und eine vollstĂ€ndige Sulfat-Gruppe eingefĂŒhrt. Ausgangsprodukt ist ein Phenol, das mit Kaliumperoxodisulfat umgesetzt wird. Die Sulfat-Gruppe wird hierbei gegenĂŒber der Hydroxy-Gruppe des Phenols eingefĂŒhrt (para-Position) oder, falls diese Position besetzt ist, daneben (ortho-Position). Die Reaktion wird meist dazu genutzt, eine weitere Hydroxy-Gruppe einzufĂŒhren, indem das Sulfat hydrolysiert wird.cite-ref-229[212] Monomethylsulfatcite-ref-0-222-1[S 16] kann durch die katalytische Oxidation von Methan mit Oleum hergestellt werden, wobei sich als Katalysator Iod-Verbindungen eignen, inklusive elementarem Iod, Natriumiodid, Kaliumiodid, Iod(V)-oxid oder Kaliumiodat.cite-ref-230[213]
Enzymatische Herstellung
Neben klassischen synthetischen Methoden existieren biotechnologische Methoden zur Herstellung von SchwefelsĂ€ure-Estern. Dabei werden Sulfotransferasen eingesetzt, wie sie in Tieren oder Mikroorganismen vorkommen. Sulfotransferasen können zur Sulfatierung zahlreicher Verbindungen eingesetzt werden. Ein Nachteil ist, dass sie als Sulfatquelle ĂŒberwiegend Phosphoadenosinphosphosulfat (PAPS) benötigen, das einerseits instabil und damit schlecht handhabbar ist, andererseits teuer in der Gewinnung. Zudem werden die Sulfotransferasen durch Phosphoadenosinphosphat (PAP),cite-ref-231[S 18] das Abbauprodukt des PAPS, inhibiert, was die Umsetzungen wenig effizient macht. Es sind jedoch Reaktionssysteme bekannt, bei denen zwei Sulfotransferasen zum Einsatz kommen, wobei eine die eigentliche Reaktion katalysiert, wĂ€hrend die zweite das PAPS aus PAP regeneriert. Als stöchiometrischer SulfatĂŒbertrĂ€ger kommt primĂ€r para-Nitrophenylsulfatcite-ref-232[S 19] zum Einsatz. So muss nur eine geringe Menge an PAP oder PAPS zur Reaktion zugesetzt werden.cite-ref-58-233-0[214] Bakterielle Sulfotransferasen eignen sich zum Teil dazu, eine SO3-Gruppe direkt von para-Nitrophenylsulfat auf eine Hydroxy-Gruppe zu ĂŒbertragen. Mit den meisten davon können jedoch nur an Aromaten gebundene (phenolische) Hydroxy-Gruppen sulfatiert werden.cite-ref-59-234-0[215] Ein typisches Beispiel fĂŒr diese Enzymgruppe, die einen Phenylester als Sulfatquelle verwenden kann und nur aromatische Hydroxy-Gruppen umsetzt, ist eine Sulfotransferase aus Clostridium innocuum.cite-ref-235[216] Ein System aus zwei Sulfotransferasen wurde zur Sulfatierung von Phenol, Brenzcatechin und Biphenyl-4,4'-diol genutzt.cite-ref-58-233-1[214] Eine Sulfotransferase aus Desulfitobacterium hafniense ist im Gegensatz zu den meisten verwandten Enzymen nicht nur in der Lage, Phenole zu sulfatieren, sondern auch aliphatische Hydroxy-Gruppen, darunter die von 1-Butanol, 1-Pentanol oder 2-Phenylethanol.cite-ref-59-234-1[215] Ein neueres System verwendet statt para-Nitrophenylsulfat das N-Hydroxysuccinimidsulfat.cite-ref-236[S 20] Dessen Reaktionsprodukt, N-Hydroxysuccinimid, ist weniger giftig und leichter vom Produkt abzutrennen als para-Nitrophenol.cite-ref-237[217]
Reaktionen
SchwefelsÀure-Salze sind wenig reaktiv, lassen sich bei starker Erhitzung jedoch zersetzen und können durch entsprechend drastische Bedingungen reduziert werden. Viele SchwefelsÀure-Ester sind hingegen reaktive Verbindungen, die als starke Alkylierungsmittel wirken und sich oft leicht hydrolysieren lassen. SchwefelsÀure-Monoester sind als Salze jedoch vergleichsweise stabil.
Reaktionen von SchwefelsÀure-Salzen
Die meisten Metallsulfate zersetzen sich beim Erhitzen, allerdings erst bei einer Temperatur von mehreren hundert Grad. Bei der Reaktion wird Schwefeltrioxid frei und es bleiben Metalloxide zurĂŒck. EnthĂ€lt eine Verbindung Kristallwasser, wird bei der Erhitzung erst dieses abgegeben.cite-ref-238[218] Werden Hydrogensulfate wie Natriumhydrogensulfat oder Kaliumhydrogensulfat stark erhitzt, können Hydrogensulfat-Ionen unter Wasserabspaltung zu Pyrosulfat dimerisieren.cite-ref-239[219]cite-ref-50-240-0[220] Ab etwa 500 °C zersetzt sich Pyrosulfat unter Abspaltung von Schwefeltrioxid, wobei Sulfat zurĂŒckbleibt.cite-ref-50-240-1[220]
Metallsulfate können auĂerdem reduziert werden, unter anderem mit Wasserstoff, wobei je nach Kation verschiedene Produkte entstehen. Die Sulfate der Erdalkalimetalle (Calciumsulfat, Strontiumsulfat und Bariumsulfat) sowie Nickelsulfat, Cobaltsulfat und Cadmiumsulfat werden zu den jeweiligen Sulfiden reduziert. Im Falle von Aluminiumsulfat, Magnesiumsulfat und Berylliumsulfat wird ebenfalls das Schwefelatom reduziert, allerdings zum Schwefeldioxid, sodass die Salze in Oxide umgewandelt werden. Im Falle von Eisen(II)-sulfat, Mangansulfat, Zinksulfat und Bleisulfat tritt ein Gemisch von Oxiden und Sulfiden auf. Bei anderen Verbindungen wird stattdessen das Kation reduziert, zum Beispiel von Eisen(III)-sulfat zu Eisen(II)-sulfat und von Kupfer(II)-sulfat ĂŒber Kupfer(I)-sulfat zu elementarem Kupfer.cite-ref-241[221] Natriumsulfat kann auch mit Kohlenstoff reduziert werden.cite-ref-242[222] Andererseits können Sulfat-Ionen, beispielsweise in einer Ammoniumsulfat-Lösung, elektrochemisch zu Peroxodisulfat oxidiert werden.cite-ref-243[223]
Alkylierungen oder Substitutionsreaktionen
Dialkylsulfate sind starke Alkylierungsmittel. Die ReaktivitĂ€t ist gröĂer, je kĂŒrzer der Alkylsubstituent ist.cite-ref-44-244-0[224] Die Bildung eines Sulfats kann so zur Aktivierung von Alkoholen dienen, um diese in andere Verbindungen wie Alkylchloride zu ĂŒberfĂŒhren.cite-ref-245[225] Dialkylsulfate können diverse Verbindungen alkylieren, darunter Phenole, CarbonsĂ€uren und deren Salze, Aromaten und Thiole.
Alternativ zu Diazomethan eignet sich Dimethylsulfat als Reagenz fĂŒr eine einfache Umwandlung von CarbonsĂ€uren in ihre Methylester. Das Proton der CarbonsĂ€ure muss hierbei durch eine geeignete Base wie Dicyclohexylethylamincite-ref-246[S 21] neutralisiert werden. Eine Alternative ist die Deprotonierung der CarbonsĂ€ure mit Lithiumhydroxid vor der Umsetzung mit Dimethylsulfat.cite-ref-247[226]cite-ref-248[227] Dimethylsulfat kann daneben fĂŒr eine Williamson-Ethersynthese eingesetzt werden. Ein Beispiel hierfĂŒr ist die Methylierung von Phenol zu Anisol.cite-ref-249[228] Dialkylsulfate eignen sich fĂŒr die Alkylierung von Thiol-Gruppen zu Sulfiden. So kann para-Thiokresol mittels Dimethylsulfat oder Diethylsulfat in das entsprechende Methyl- oder Ethylsulfid ĂŒberfĂŒhrt werden.cite-ref-250[229] Dialkylsulfate können zudem zur Alkylierung von Aromaten wie Benzol verwendet werden. Die Reaktionsbedingungen entsprechen im Wesentlichen einer Friedel-Crafts-Alkylierung, bei der normalerweise eine Lewis-SĂ€ure wie Aluminiumchlorid sowie ein Alkylhalogenid als Alkylierungsmittel verwendet wird. Letzteres kann jedoch durch ein Dialkylsulfat ersetzt werden, beispielsweise Dimethylsulfat, Diethylsulfat, Diisopropylsulfat oder Dibutylsulfat.cite-ref-251[230] SchlieĂlich können Dialkylsulfate auch CarbonsĂ€ureamide zu Iminiumsalzen alkylieren. Ein Beispiel hierfĂŒr ist die Methylierung von Dimethylformamid mit Dimethylsulfat.cite-ref-252[231]
Ăber ein cyclisches Sulfat können aus einem Diol andere difunktionalisierte MolekĂŒle hergestellt werden. Der Ring kann durch viele Nucleophile geöffnet werden. Dazu gehören Azid-Ionen, Fluorid-Ionen (aus Tetrabutylammoniumfluorid), Thiocyanat-Ionen, Nitrat-Ionen, Carboxylat-Ionen, Alkoholaten, Thiolaten, Acetyliden, Aminen, Cyanid, Organocupraten oder Hydrid (aus Lithiumaluminiumhydrid).cite-ref-49-219-2[204]cite-ref-51-253-0[232] Dadurch entsteht ein offener SchwefelsĂ€ure-Monoester. Dieser kann hydrolysiert werden, um einen α-funktionalisierten Alkohol zu erhalten, oder mit einem zweiten Nucleophil umgesetzt werden. Ein Beispiel fĂŒr letzteres ist die Bildung eines Aziridins durch eine intramolekulare Reaktion. Dabei wird das cyclische Sulfat mittels Lithiumazid geöffnet und die Azid-Gruppe durch Lithiumaluminiumhydrid reduziert. Die intramolekulare Substitution ergibt den Ringschluss zum Aziridin.cite-ref-51-253-1[232] Analog kann durch Umsetzung mit Di-tert-butylmalonatcite-ref-254[S 22] und Natriumhydrid ein Cyclopropan-Ring gebildet werden.cite-ref-49-219-3[204]
Hydrolyse
SchwefelsĂ€ure-Diester und -monoester können in wĂ€ssriger Lösung leicht hydrolysiert werden: Dimethylsulfat kann ĂŒber Monomethylsulfatcite-ref-0-222-2[S 16] zu Methanol und Sulfat hydrolysiert werden. Analog wird Ethylensulfat in zwei Schritten zu Ethylenglycol und Sulfat hydrolysiert. Dabei treten unterschiedliche Reaktionsmechanismen auf: Bei der Reaktion eines Diesters zum Monoester wird eine C-O-Bindung gebrochen, das heiĂt der SchwefelsĂ€ure-Monoester ist die Abgangsgruppe. Das Gleiche gilt bei der Hydrolyse eines Monoesters in basischer Lösung. Bei der Hydrolyse eines Monoesters im Sauren hingegen wird eine S-O-Bindung gebrochen, die Abgangsgruppe ist der Alkohol.cite-ref-255[233] Monoalkylsulfate sind als Salze, zum Beispiel als Natriumsalze, vergleichsweise stabil. In protonierter Form können sie jedoch selbst in unpolaren, inerten Lösungsmitteln wie Diethylether oder Tetrahydrofuran hydrolysiert werden, wenn diese Spuren von Wasser oder anderen Verunreinigungen enthalten.cite-ref-256[234] Monoarylsulfate sind demgegenĂŒber vergleichsweise stabil. Die Hydrolyse von Diphenylsulfatcite-ref-257[S 23] zu Monophenylsulfat ohne Weiterreaktion ist problemlos möglich.cite-ref-258[235]
Komplexe und Einschluss-Verbindungen
Metallkomplexe, die Sulfat-Ionen als Liganden tragen, werden als Sulfato-Komplexe bezeichnet. Das Sulfat-Ion kann dabei unterschiedliche Bindungsmodi annehmen: ĂŒber ein Sauerstoffatom gebunden (monodentat), ĂŒber zwei Sauerstoffatome an dasselbe Metallatom gebunden (bidentat) oder gleichzeitig an zwei oder mehr Metallatome gebunden (verbrĂŒckend). Durch seine vier Sauerstoffatome kann das Ion an bis zu zehn Metallatome gleichzeitig koordinieren. Der Koordinationsmodus in Sulfato-Komplexen kann durch Infrarot-Spektroskopie (IR-Spektroskopie) unterschieden werden. In einem freien Sulfat-Ion sind alle vier S-O-Bindungen identisch. Ist das Ion ĂŒber ein Sauerstoffatom an ein Metallatom komplexiert (als monodentater Ligand), ist dessen S-O-Bindung nicht mehr identisch zu den anderen drei, was im entsprechenden IR-Spektrum anhand der Streckschwingungen der Bindungen detektiert werden kann. Sulfat kann daneben als bidentater Ligand wirken, das heiĂt ĂŒber zwei Sauerstoffatome an ein Metallatom gebunden. In diesem Fall liegen zwei Paare von Bindungen vor, die sich jeweils gleich verhalten, was wiederum mittels IR-Spektroskopie untersucht werden kann.
Sulfat bildet mit Kupfer, Cobalt und anderen Ăbergangsmetallen stabile, kristallisierbare Komplexe.cite-ref-259[236] Ein Beispiel fĂŒr einen Komplex mit einem monodentaten Sulfat-Liganden ist [Pt(NH3)4(SO4)(NO)]+. In diesem Komplex trĂ€gt das zentrale Platin-Atom neben einem Sulfat-Ion auch noch vier MolekĂŒle Ammoniak und ein Nitrosyl-Ion als Liganden.cite-ref-260[237] Oft können Sulfato-Komplexe durch Oxidation von Schwefeldioxid hergestellt werden. Der Disauerstoff-Ligand in Sauerstoff-Komplexen ist reaktiver als molekularer Sauerstoff. So können Sauerstoff-Komplexe von Eisen, Nickel, Ruthenium, Rhodium, Palladium, Platin und Iridium jeweils leicht Schwefeldioxid oxidieren, wobei sich ein Sulfato-Komplex bildet. Ein Iridium-Komplex, der eine solche Reaktion eingeht, ist [Ir(PPh3)2(CO)I(O2)], der neben dem Sauerstoff-Liganden je einen Iodid- und Carbonyl-Liganden sowie zwei Triphenylphosphin-Liganden aufweist.cite-ref-261[238]
Analog kann als Edukt der Platin-Komplex [Pt(PPh3)2(O2)], verwendet werden. Liegt dieser in Lösung vor, bildet sich beim Einleiten von Schwefeldioxid sofort der Sulfat-Komplex [Pt(PPh3)2(SO4)]2â. Umgekehrt kann diese Verbindung ĂŒber den Schwefeldioxid-Komplex hergestellt werden. Wird Schwefeldioxid in eine Lösung des Platin-Ethylen-Komplexes [Pt(PPh3)2(C2H4)] geleitet, bildet sich durch VerdrĂ€ngung des Ethylens der grĂŒn gefĂ€rbte Komplex [Pt(PPh3)2(SO2)]. Durch Erhitzen des Komplexes an Luft oder Durchleiten von Sauerstoff durch seine Lösung findet eine Oxidation statt und es bildet sich wiederum [Pt(PPh3)2(SO4)]2â.cite-ref-262[239] Mit einigen Metallen wie Neptunium bildet Sulfat auch in Lösung vergleichsweise stabile Komplexe.cite-ref-263[240] Uranyl-Ionen bilden in Lösung Komplexe mit ein bis drei Sulfat-Ionen.cite-ref-264[241]
Organische MolekĂŒle mit bestimmten Struktureinheiten können wiederum an Sulfat-Ionen koordinieren und Einschluss-Verbindungen bilden. Dazu gehören cyclische Verbindungen, in denen Sulfat-Ionen durch elektrostatische Wechselwirkungen festgehalten werden, aber auch solche, die Sulfat-Ionen in allen drei Raumrichtungen umschlieĂen können.cite-ref-265[242] Ein solcher Ligand leitet sich vom Harnstoff ab und trĂ€gt zusĂ€tzlich zwei 2,2â-Bipyridin-Einheiten. Dieser kann durch Ausbildung von WasserstoffbrĂŒcken eine KĂ€fig-Verbindung mit einem Sulfat-Ion bilden, bei der das Sulfat dicht eingeschlossen und von der Umgebung abgeschirmt ist. Die KĂ€figstruktur besteht dabei aus sechs dieser Liganden und hat erheblichen Einfluss auf die Eigenschaften des eingeschlossenen Ions. So verhindert der KĂ€fig, dass bei der Zugabe von Strontiumnitrat das Sulfat-Ion als Strontiumsulfat ausfĂ€llt.cite-ref-266[243] Ein anderer bekannter Ligand besteht aus drei zusammenhĂ€ngenden identischen Einheiten mit insgesamt sechs Harnstoff-Gruppen. Mit diesem Ligand können Sulfat-Ionen sehr effizient aus einer wĂ€ssrigen Lösung entfernt und in ein organisches Lösungsmittel ĂŒberfĂŒhrt werden.cite-ref-267[244]
Verwendung
NatĂŒrlich vorkommende Sulfate dienen oft als PrimĂ€rrohstoffe, andererseits sind Sulfate Intermediate bei der Aufbereitung anderer Erze. Calciumsulfat ist ein zentrales Produkt der Baustoffindustrie. Daneben haben Salze und Ester der SchwefelsĂ€ure verschiedene Anwendungszwecke in der Medizin sowie als Tenside, Farbstoffe, Gerbstoffe und DĂŒngemittel.
Rohstoffgewinnung und chemische Industrie
Verschiedene Sulfatminerale sind industriell relevante Erze und Rohstoffe, insbesondere Gips. Baryt (Bariumsulfat) ist das wichtigste Bariumerz. Es dient als Ausgangsstoff fĂŒr die Herstellung anderer Barium-Verbindungen, wobei es in der Regel zunĂ€chst zu Bariumsulfid reduziert wird.cite-ref-11-195-1[180] Coelestin (Strontiumsulfat) ist neben Strontianit (Strontiumcarbonat) eines von zwei industriell relevanten Strontiumerzen. Coelestin wird zunĂ€chst zu Strontiumcarbonat umgesetzt, aus dem die meisten anderen Strontium-Verbindungen hergestellt werden.cite-ref-268[245] Das wichtigste Bleierz ist Galenit (Bleisulfid), die LagerstĂ€tten enthalten aber oft durch Oxidation entstandenes Anglesit (Bleisulfat), das beim Abbau mit verwertet wird.cite-ref-269[246]
Aluminiumsulfat ist nach Aluminiumoxid die zweitwichtigste Aluminium-Verbindung in der Industrie und wird als Ausgangsstoff zur Herstellung der meisten anderen Aluminium-Verbindungen verwendet.cite-ref-2-9-3[9] Ebenso werden Magnesiumsulfat,cite-ref-15-201-1[186] Nickelsulfatcite-ref-16-202-2[187] und Kaliumsulfatcite-ref-17-203-1[188] als Zwischenprodukte gewonnen, um aus Erzen andere Verbindungen herzustellen. Mangansulfat dient zur Herstellung von elementarem Mangan sowie von Manganlinolatcite-ref-270[S 24] und verwandten Verbindungen, die als Sikkative eingesetzt werden.cite-ref-15-201-2[186] Titanylsulfat ist ein Intermediat bei der Herstellung von Titandioxid nach dem Sulfat-Prozess. Hierbei wird das Titanerz Ilmenit mit SchwefelsĂ€ure zu Titanylsulfat umgesetzt, dieses hydrolysiert und dann bei 950 °C kalziniert.cite-ref-271[247] Bei der Gewinnung von Seltenerdmetallen aus Erzen wird SchwefelsĂ€ure zum Aufschluss eingesetzt, wodurch Sulfate als Intermediate entstehen.cite-ref-272[248] Die mengenmĂ€Ăig bedeutendste Verwendung von Bariumsulfat ist in BohrflĂŒssigkeit in der Erdölgewinnung.cite-ref-64-273-0[249] Das Bariumsulfat erhöht die Dichte der FlĂŒssigkeit, die dazu dient, Gesteinsmaterial aus dem Bohrloch auszuschwemmen und die Bohrvorrichtung zu kĂŒhlen.cite-ref-274[250]
Dialkylsulfate eignen sich als Alkylierungsmittel, zum Beispiel fĂŒr die Umsetzung von CarbonsĂ€uren zu deren Alkylestern oder von Aminen zu quartĂ€ren Ammonium-Verbindungen. Industriell ist Dimethylsulfat die mit Abstand meistgenutzte Verbindung aus der Gruppe der Dialkylsulfate, lediglich Diethylsulfat hat ebenfalls eine gewisse (wenn auch geringe) Bedeutung. Dimethylsulfat wird unter anderem zur Herstellung von Methylsalicylat aus SalicylsĂ€ure verwendet sowie zur Umsetzung von Kaliumiodid zu Methyliodid. Diethylsulfat eignet sich zur Herstellung der Ethylester von FettsĂ€uren, die als Weichmacher verwendet werden.cite-ref-44-244-1[224]
Bauwesen
Sulfate spielen eine enorme Rolle im Bauwesen. Gips wird zum Verputzen von WĂ€nden sowie in Form fertiger Platten verwendet.cite-ref-23-77-3[76]cite-ref-275[251] Essenziell fĂŒr die Verwendung als Wandverputz ist, dass Calciumsulfat einerseits leicht durch Erhitzung dehydriert werden kann, dass die Hydrate durch Anmischen mit Wasser aber andererseits leicht wieder zurĂŒckgebildet werden.cite-ref-45-276-0[252] Gipskartonplatten bestehen hauptsĂ€chlich aus gehĂ€rtetem Gips, der zwischen zwei Schichten Papier zusammengehalten wird.cite-ref-277[253] Weitere Verwendungen sind Fertigbauelemente und Deckenplatten. Gips als Baumaterial hat mehrere vorteilhafte Eigenschaften wie vergleichsweise geringes Gewicht, brandhemmende Eigenschaften (durch das enthaltene Kristallwasser) und schallisolierende Eigenschaften.cite-ref-23-77-4[76]
Calciumsulfate sind auĂerdem in Zement enthalten, wobei Gips (das Dihydrat) je nach Grad der Erhitzung bei der Produktion zu Calciumsulfat-Hemihydrat oder Anhydrit (ohne Kristallwasser) entwĂ€ssert wird. Das Calciumsulfat verbessert die Abbindeeigenschaften des Zements, der sonst zu schnell fest wird, was eine praktische Verarbeitung verhindert.cite-ref-0-2-1[2]cite-ref-1-278-0[254] Die langsamere AushĂ€rtung beruht auf der Bildung von Ettringit in der angerĂŒhrten Zementmischung.cite-ref-1-278-1[254] Der Einsatz als Reaktionsverzögerer in Zement macht einen erheblichen Anteil des weltweit gewonnenen Gipses aus.cite-ref-45-276-1[252] Baryt (Bariumsulfat) ist Bestandteil von Schwerbeton, der zur Abschirmung von Strahlung eingesetzt wird, zum Beispiel in Atomkraftwerken und medizinischen Einrichtungen, aber auch in Betongewichten.cite-ref-279[255]
Medizin
Neben Sulfaten, die als Pharmazeutika verwendet werden, wird Gips (Calciumsulfat) fĂŒr GipsverbĂ€nde zur Behandlung von KnochenbrĂŒchen verwendet. Er ist billig, einfach in der Anwendung und fĂŒr Röntgenstrahlung durchlĂ€ssig, was eine Untersuchung von Knochen unter dem Gips ermöglicht. Aufgrund dieser Eigenschaften sind GipsverbĂ€nde heute nach wie vor verbreitet in Gebrauch.cite-ref-27-12-1[12]
Sulfatsalze werden medizinisch vielfĂ€ltig genutzt. Das meistgenutzte PrĂ€parat zur Supplementierung von Eisen bei EisenmangelanĂ€mie ist Eisen(II)-sulfat. EisenmangelanĂ€mie ist eine verbreitete Mangelerkrankung, vorwiegend bei Kindern, und tritt auf, wenn ĂŒber die ErnĂ€hrung zu wenig Eisen aufgenommen wird.cite-ref-280[256] Bariumsulfat ist ein Kontrastmittel fĂŒr die Röntgenuntersuchung und die Computertomografie des Gastrointestinaltrakts.cite-ref-281[257] Magnesiumsulfat wird zur Behandlung eklamptischer KrĂ€mpfe sowie gegen akuten Magnesiummangel eingesetzt.cite-ref-38-13-1[13] Lithiumsulfat wird gelegentlich in der Lithiumtherapie bei bipolaren Störungen genutzt. GegenĂŒber dem hauptsĂ€chlich genutzten Lithiumcarbonat hat es jedoch nur untergeordnete Bedeutung.cite-ref-282[258]cite-ref-283[259]
Neben den Metallsalzen werden auch organische Wirkstoffe oft als Sulfatsalze eingesetzt. Zur Verbesserung der Eigenschaften, speziell der Wasserlöslichkeit, werden Medikamente oft in eine ionische Form ĂŒberfĂŒhrt und als Salz eingesetzt. Dabei muss ein geeignetes Gegenion verwendet werden, da dieses ebenfalls Einfluss auf die Eigenschaften der Formulierung hat. Eine im Jahr 2007 publizierte Analyse aller von der FDA in den USA zugelassenen Medikamente ergab, dass ungefĂ€hr 38 % ionische Verbindungen waren, bei denen das Kation die aktive Komponente ist. Das mit Abstand hĂ€ufigste Gegenion war dabei das Chlorid, gefolgt von Sulfat.cite-ref-284[260] Das Parasympatholytikum Atropin beispielsweise wird ĂŒberwiegend als Sulfat (Atropini sulfas, Atropinum sulfuricum, schwefelsaures Atropin) eingesetzt.cite-ref-285[261]
Einige Pharmazeutika sind SchwefelsĂ€ureester. So kommen Sulfat-Gruppen in einigen Wirkstoffen aus der Gruppe der ÎČ-Lactamase-Inhibitoren vor, die zusammen mit ÎČ-Lactam-Antibiotika eingesetzt werden. ÎČ-Lactam-Antibiotika stören die Peptidoglycansynthese in Bakterien, was zu instabilen ZellwĂ€nden und schlieĂlich zum Absterben der Zellen fĂŒhrt.cite-ref-30-286-0[262] Antibiotika-Resistenzen gegen diese Wirkstoffe sind allerdings weitverbreitet. Ein Mechanismus, der eine solche Resistenz verursacht, ist die Bildung von ÎČ-Lactamasen durch die Bakterien. Dabei handelt es sich um Enzyme, die die Amid-Bindung in den ÎČ-Lactam-MolekĂŒlen spalten und die Antibiotika somit wirkungslos machen können. Dies kann durch den zusĂ€tzlichen Einsatz eines ÎČ-Lactamase-Inhibitors verhindert werden.cite-ref-287[263] Der erste solche Wirkstoff, der zum Einsatz kam, ist das Avibactam.cite-ref-31-288-0[264] Das KombinationsprĂ€parat mit dem Antibiotikum Ceftazidim wurde im Februar 2015 in den USA zugelassen. Die Kombination kommt gegen verschiedene antibiotikaresistente Pathogene zum Einsatz, darunter entsprechende StĂ€mme von Pseudomonas aeruginosa.cite-ref-289[265] Avibactam ist ein kovalenter Inhibitor fĂŒr verschiedene ÎČ-Lactamasen, der mittels seines C7-Carbonyls als Carbamat an ein Serin im aktiven Zentrum bindet. Die Verbindung hat strukturelle Ăhnlichkeit zum Ceftazidim, mit dem zusammen sie eingesetzt wird. Die Sulfat-Gruppe des Avibactams mit seiner negativen Ladung entspricht dabei der Carboxylat-Gruppe des Ceftazidims. Durch die Hemmung der ÎČ-Lactamase wird ein Abbau des eigentlich wirksamen Antibiotikums verhindert. Die Kombination Ceftazidim-Avibactam wirkt so gegen Bakterien, die ÎČ-Lactamasen produzieren und durch Ceftazidim allein nicht abgetötet werden.cite-ref-30-286-1[262] Durlobactamcite-ref-290[S 25] ist eine mit Avibactam strukturell eng verwandte Verbindung, die Ă€hnlich verwendet wird. Ein KombinationsprĂ€parat mit Sulbactam wurde im Mai 2023 in den USA zugelassen und wird fĂŒr die Behandlung bestimmter ÎČ-lactamresistenter Bakterien verwendet, insbesondere resistenter StĂ€mme von Acinetobacter baumannii, das in Bezug auf Antibiotika-Resistenzen zu den problematischsten Pathogenen gehört.cite-ref-31-288-1[264]
Eine weitere Gruppe medizinisch genutzer SchwefelsĂ€ureester sind die konjugierten equinen Estrogene. Dabei handelt es sich um ein Gemisch von SchwefelsĂ€ureestern verschiedener Estrogene wie Estron, Estradiol und Equilin. Das Wort equin (von Pferd) bezieht sich dabei auf die Gewinn aus dem Urin trĂ€chtiger Stuten. Eingesetzt werden die konjugierten Estrogene bei Wechseljahresbeschwerden, die durch ein Mangel an körpereigenen Estrogenen verursacht werden.cite-ref-291[266] Sucralfat ist ein Komplex aus Aluminiumhydroxid und sulfatierter Saccharose und wird in verschiedenen LĂ€ndern bei Krankheitsbildern eingesetzt, die mit MagengeschwĂŒren einhergehen. Sucralfat wird kaum resorbiert und bildet eine Schutzschicht, wodurch eine Heilung befördert wird.cite-ref-292[267] Das natĂŒrlich vorkommende Heparin ist ein sulfatiertes Polysaccharid. Es wird als gerinnungshemmendes Medikament (Antikoagulans) eingesetzt gegen Thrombosen und Lungenembolien. Es wird vorwiegend aus SchweinedĂ€rmen extrahiert. Ein synthetisches Oligosaccharid mit analoger gerinnungshemmender Wirkung ist das Fondaparinux. Seine Struktur entspricht genau der Abfolge aus fĂŒnf Zuckern, die fĂŒr die gerinnungshemmende Wirkung des Heparins verantwortlich ist. Fondaparinux ist seit 2003 auf dem Markt.cite-ref-53-128-1[125]
Farbstoffe und Pigmente
Reaktivfarbstoffe sind solche Farbstoffe, die beim FĂ€rbeprozess mit Textilfasern (oder einem anderen Substrat) kovalente Bindungen ausbilden, und gehören zu den industriell meistgenutzten Farbstoffen. Eine Variante sind Verbindungen, die eine Sulfat-Gruppe als Bestandteil einer ÎČ-Sulfatoethylsulfon-Gruppe enthalten wie das Reactive Black 5.cite-ref-293[268] Die eigentlich reaktive Gruppe, die die kovalente Bindung ausbildet, ist eine Vinylsulfon-Gruppe. Diese ist als ÎČ-Sulfatoethylsulfon-Gruppe maskiert.cite-ref-60-294-0[269] Beim Erhitzen des Farbstoffs bei hohem pH-Wert wĂ€hrend des FĂ€rbeprozesses wird Sulfat eliminiert und so die reaktive Gruppe freigesetzt.cite-ref-60-294-1[269]cite-ref-61-295-0[270] Die Farbstoffe werden durch Veresterung von Hydroxyethylsulfonen mit SchwefelsĂ€ure gewonnen und neutralisiert (zum Beispiel mit Natriumhydroxid), um ein Salz zu erhalten. Sie eignen sich fĂŒr die FĂ€rbung von Wolle und Baumwolle.cite-ref-61-295-1[270] GefĂ€lltes Bariumsulfat dient als Beschichtungspigment in der Papierherstellung und als FĂŒllstoff in Farben, Lacken und Tinte.cite-ref-64-273-1[249] Lithopone ist ein WeiĂpigment, das aus Bariumsulfat und Zinksulfid besteht. Hergestellt wird es, indem in Lösung Bariumsulfid mit Zinksulfat gemischt wird.cite-ref-296[271] Es wird als Pigment fĂŒr Farben und in Kunststoff verwendet.cite-ref-297[272]
Sonstige Verwendungen
Chrom(III)-sulfat ist der bedeutendste Gerbstoff in der Gerberei. Dabei werden TierhĂ€ute zu Leder verarbeitet, wobei sie derart modifiziert werden, dass sie haltbar werden und eine höhere thermische StabilitĂ€t aufweisen, gleichzeitig aber die FlexibilitĂ€t einer frischen Haut behalten. Chrom(III)-Ionen vernetzen Kollagen-StrĂ€nge sowohl durch WasserstoffbrĂŒcken als auch durch kovalante BrĂŒcken zwischen den Carboxylgruppen von AsparaginsĂ€ure- und GlutaminsĂ€ure-Resten. Auf dieser Vernetzung beruht die Haltbarkeit des Materials. Die Koordination von Sulfat-Ionen an die Chrom-Ionen beeinflusst die ReaktivitĂ€t und fĂŒhrt zu besseren Materialeigenschaften (höhere thermische StabilitĂ€t). Andere Gerberei-Reagenzien sind gegenĂŒber Chromsulfat von untergeordneter Bedeutung, zu diesen gehören organische Gerbstoffe und das Aluminiumsulfat.cite-ref-298[273]
Die Monoester der SchwefelsĂ€ure mit lĂ€ngerkettigen Alkoholen (Fettalkoholen) werden als Fettalkoholsulfate bezeichnet und in Reinigungsmitteln und Hygieneprodukten verwendet. Da sie in freier Form nicht stabil sind, werden sie als Salze, beispielsweise als Natriumsalze, verwendet. Die meistgenutzten Vertreter sind das Natriumlaurylsulfat (vom Laurylalkohol mit zwölf Kohlenstoffatomen) sowie Verbindungen mit 14, 16 oder 18 Kohlenstoffatomen in der Alkylkette. Verwendet werden sie als Tenside in Wasch- und SpĂŒlmitteln. Die Alkylethersulfate verfĂŒgen zwischen der Sulfat-Gruppe und dem Alkyl-Rest zusĂ€tzlich ĂŒber ein bis vier Ethylenglycol-Gruppen (-CH2CH2O-). Alkylethersulfate wie das Natriumlaurylethersulfat bilden besonders viel Schaum, weshalb sie in SchaumbĂ€dern und Shampoos verwendet werden.cite-ref-299[274] Neben den Natriumsalzen werden Alkylethersulfate zum Teil als Ammonium- und Magnesiumsalze in Hygieneprodukten verwendet. Dazu gehören Ammoniumlaurylethersulfatcite-ref-300[S 26] und Magnesiumlaurylethersulfat.cite-ref-301[275]cite-ref-302[S 27]
Carrageen ist ein natĂŒrliches sulfatiertes Polysaccharid, das viel in der Lebensmitteltechnik verwendet wird, unter anderem als Verdickungs- und Geliermittel. FĂŒr die Gewinnung von Carrageen werden Rotalgen, insbesondere solche der Gattung Kappaphycus, kommerziell angebaut.cite-ref-303[276] Viele Sulfatsalze werden als DĂŒnger eingesetzt, darunter Ammoniumsulfat und das Doppelsalz Ammoniumsulfatnitrat,cite-ref-304[277] ebenso das Magnesium-Mineral Kieserit.cite-ref-305[278] Auf mangan-armen Böden wird Mangansulfat als DĂŒnger eingesetzt.cite-ref-15-201-3[186] Der am hĂ€ufigsten genutzte KaliumdĂŒnger ist Kaliumchlorid. Das teurere Kaliumsulfat wird nur in besonderen FĂ€llen eingesetzt, wenn die Gefahr der Versalzung des Bodens besteht oder bei Pflanzen, die empfindlich auf Chlorid reagieren, wie Tabak und ZitrusfrĂŒchte.cite-ref-17-203-2[188] Kupfersulfat-Pentahydrat wird in der Landwirtschaft als Fungizid eingesetzt.cite-ref-67-306-0[279]
Aluminiumsulfat wird hauptsĂ€chlich in der Papierherstellung und Wasserreinigung verwendet. In der Papierindustrie dient es zur Fixierung von Schlichtemitteln und Farben sowie als Beschichtung fĂŒr Glanzpapier. In der Wasseraufbereitung wird es als Flockungsmittel verwendet.cite-ref-2-9-4[9] Die Hauptverwendung von Nickelsulfat ist die galvanische Vernickelung, das heiĂt die Beschichtung mit metallischem Nickel.cite-ref-16-202-3[187] Analog wird Rhodium(III)-sulfat zur Rhodinierung (Beschichtung mit Rhodium) verwendet.cite-ref-307[280]
Natriumsulfat und Magnesiumsulfat werden zum Trocknen organischer Lösungsmittel verwendet.cite-ref-308[281] Wasserfreies Kupfersulfat eignet sich ebenfalls zum Trocknen organischer Lösungsmittel sowie durch die FarbĂ€nderung bei der Hydratbildung als Indikator fĂŒr die Anwesenheit von Wasser in Lösungsmitteln.cite-ref-67-306-1[279]
Nachweis
Sulfat kann durch Turbidimetrie quantitativ bestimmt werden, das heiĂt durch Messung einer TrĂŒbung. Dabei wird Bariumchlorid in die sulfathaltige Lösung gegeben, was zur Entstehung von Bariumsulfat fĂŒhrt, welches die TrĂŒbung verursacht.cite-ref-309[282] Auch in der klassischen Analytik dient die Bildung von Bariumsulfat als Nachweise. Dazu wird die Probelösung in SalzsĂ€ure mit Bariumchlorid versetzt:
S O 4 2 â â + B a 2 + â¶ â¶ B a S O 4 â â {\displaystyle \mathrm {SO_{4}^{2-}+Ba^{2+}\longrightarrow BaSO_{4}\downarrow } }
Sulfat-Ionen bilden mit Barium-Ionen einen weiĂen, sĂ€ure-unlöslichen Niederschlag von Bariumsulfat.
Die SĂ€ure wird zur Entstörung zugesetzt, da Carbonat, Phosphat oder Sulfit mit Barium in Wasser ebenfalls schwer lösliche Salze bilden, die im Gegensatz zu Bariumsulfat aber in SalzsĂ€ure löslich sind. Wird der Nachweis in Gegenwart von Permanganat durchgefĂŒhrt, bilden sich violett gefĂ€rbte Mischkristalle. Das darin eingebaute Permanganat kann dann nicht mehr einfach mit Reduktionsmitteln reagieren und die Kristalle so nicht entfĂ€rbt werden. Ein weiterer Nachweis, der ebenfalls auf der Bildung von Bariumsulfat beruht, verwendet Bariumchlorid und Natriumrhodizonat.cite-ref-310[S 28] Aus den beiden Reagenzien wird rotes Bariumrhodizonatcite-ref-311[S 29] gebildet, das bei Zugabe von Sulfat durch Bildung von Bariumsulfat wieder entfĂ€rbt wird.cite-ref-312[283]
Anhang
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Weblinks
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Einzelnachweise
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